Am Höhepunkt des Sommers feiert die Kirche das Fest Mariä Himmelfahrt. Was für manche ländliche Gegend Anlass volkstümlicher Feiern ist (Kräuterweihe, Schiffswallfahrten,...), gilt für andere vor allem als willkommener freier Tag in der heißesten Jahreszeit. Der Sinn des Festes und damit der Grund für den freien Feiertag sollte darüber nicht vergessen werden.
Es ist ein Marienfest. Mancherorts wird es "der große Frauentag" genannt. Seit Jahrhunderten gefeiert, in der Tradition fest verwurzelt, wirft es dennoch nicht wenige Fragen auf. Die erste und gewichtigste stellt bereits der heutige Evangelientext. Er berichtet von einem Ereignis, das mit einer "leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel" (so heißt das Fest mit vollem Namen) gar nichts zu tun hat. So ist zumindest der erste Eindruck.
Ein Fest ohne biblische Grundlage? Ein Ereignis, von dem die Heilige Schrift nichts weiß? Ist das nicht eine dürftige Grundlage für ein so feierliches Fest? Dazu kommt, dass erst vor 53 Jahren, im Jahr 1950, Papst Pius XII. feierlich als Dogma der Kirche verkündet hat, Maria sei "nach Vollendung ihres Erdenlebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden". Ein Fest also, das auf schwachen Beinen steht?
Könnte es nicht ganz anders sein? Tatsache ist, dass seit Jahrhunderten die Gläubigen dieses Fest besonders lieben. Vielleicht erfasst oder ahnt "das gläubige Volk" hier etwas mit treffsicherem Gespür, was zwar nicht wörtlich in der Bibel steht, was aber genau das Geheimnis dieser Frau erfasst. Und vielleicht weist uns gerade das heutige Evangelium die Spur hin zu diesem Geheimnis.
Die Szene ist schlicht und ergreifend. Maria hat von dem Boten Gottes, dem Engel, gehört, ihre Verwandte Elisabeth erwarte trotz ihres hohen Alters noch ein Kind obwohl sie als unfruchtbar galt. Maria hat selber empfangen. Sie erwartet auch ein Kind, nicht von Joseph, sondern durch Gottes Wirken.
Und nun begegnen einander die beiden schwangeren Frauen, jede mit dem unerwartet geschenkten Kind im Schoß, die eine schon im sechsten Monat, die andere eben erst am Anfang ihrer Schwangerschaft. Und nun das Überraschende. Elisabeth begrüßt ihre junge Verwandte mit einem völlig ungewohnten, feierlichen Gruß. Dieser Gruß wurde seither zahllose Male wiederholt: "Gesegnet bist du mehr als alle Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes."
"Du bist gebenedeit unter den Frauen...", so greift das "Gegrüßet seist du, Maria" in etwas altertümlichem Deutsch den Gruß der Elisabeth auf. Maria ist gesegnet. Sie trägt das Kind im Schoß, das wie kein anderes ein Segen sein wird: Jesus, "die gesegnete Frucht deines Leibes". Es kann für sie nicht ohne Auswirkung sein, dass Gottes Sohn in ihrem Schoß Mensch geworden ist.
"Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" Elisabeth staunt - und nennt Maria, die junge Frau aus Nazareth, "Mutter meines Herrn"! Das ist der tiefste Grund für das heutige Fest: Maria ist die Mutter des Herrn, des Erlösers. An ihr hat sich als erster gezeigt, was Erlösung heißt: befreit von allem Übel, besonders vom Tod. Deshalb glauben wir, dass auch Marias gesegneter Leib nicht im Tod bleiben konnte. Er gehört nicht dem Grab, sondern dem Himmel. Was wir von Maria glauben, das hoffen wir für uns alle: nicht das Grab, sondern den Himmel.