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Wollt auch ihr gehen?

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 20. Sonntag im Jahreskreis, 24.8.2003 (Joh 6,60-69)

24.08.2003
© Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Damals gingen viele weg, nicht nur von den "Fernstehenden", sondern auch aus dem engsten Kreis. Damals sagten viele seiner Jünger, die Jesus zuhörten: "Was er sagt, ist unerträglich: Wer kann das anhören?" Viele seiner Jünger hörten damals auf, mit ihm zu gehen.

 

War das nur damals so? Eigenartige Wende. Noch wenige Tage zuvor waren Tausende gekommen, angezogen vom Ruf, der Jesus voraus ging: er heilt Kranke, befreit Besessene, wirkt Wunder, vielleicht bringt er sogar die Befreiung vom Joch der römischen Besatzung. So schnell die Hoffnung aufgeflammt war, so schnell ist sie wieder erloschen. Enttäuscht gehen sie weg. Sie halten seine Worte für unannehmbar, ja unerträglich: Sein Fleisch sollen sie essen, sein Blut trinken! Wahnsinnige Worte! "Wer kann das anhören?"

 

Warum dieser Umschwung? Zuerst Begeisterung – sie wollen ihn sogar zum König machen –, dann völlige Ablehnung; wütende Abwendung, die bis zum "Ans Kreuz mit ihm!" gehen wird. Wieso kam es zu diesem Stimmungsumschwung?

 

In meiner Kinderzeit waren die Kirchen brechend voll. Heute sind es am Sonntag oft nicht mehr als eine Handvoll, die zum Gottesdienst kommen, Warum dieser Umschwung? Wer ist schuld daran? Liegt es an "der Kirche", dass sie nicht (mehr) anziehend ist? Liegt es an der Zeit, an den geänderten Lebensumständen? Oder liegt es an Jesus selbst? Interessieren seine Worte und sein Angebot nicht mehr? Sind sie unserer Zeit fremd geworden? Vielleicht sogar unerträglich? Wenden sich viele ab, weil sie mit seiner Lehre nichts mehr anfangen können? Gehen viele nicht mehr mit, weil sie an ihm Anstoß nehmen?

 

Diese Fragen bewegen mich, wenn ich lese, wie es Jesus damals in Kapharnaum ging. Wiederholt sich das vielleicht heute? Eines ist sicher: Damals wie heute achtet Jesus völlig unsere Freiheit. In der Kirche hat es immer wieder Zwang gegeben, bei Jesus sicher nicht. "Wollt auch ihr weggehen?" Jesus stellt diese Frage bis heute – und die Antwort kann nur aus freiem Herzen kommen.

 

Damals gab Petrus die Antwort. Sie berührt wegen ihrer Ehrlichkeit: "Herr, zu wem sollten wir gehen?" Das  klingt vielleicht nicht sehr schmeichelhaft, aber es kommt von Herzen: Wir wüssten nicht, wohin wir gehen sollen, an wen wir uns wenden sollten: "Du hast Worte des ewigen Lebens."

 

Sagt da Petrus nicht etwas, das auch heute zu Herzen geht? "Ich verstehe zwar vieles von dem, was du sagst, nicht oder noch nicht. Was das heißt, dass wir dein Fleisch essen und dein Blut trinken sollen, das ist mir schwer begreiflich. Trotzdem will und kann ich nicht von dir weglaufen. Denn nie sind wir jemandem begegnet wie dir. Nie hat einer so zu uns gesprochen wie du. Auch wenn ich vieles nicht verstehe, was du tust und sagst, eines habe ich wirklich  erfasst: Du bist der Heilige Gottes."

 

Du und kein anderer! Das war die Erfahrung, die Petrus und einige andere bewog, bei Jesus zu bleiben. Sie haben an ihn geglaubt, ihm vertraut, sie haben ihn geliebt. Bis heute geht es um diese Entscheidung. Die sich entschlossen haben, bei ihm zu bleiben, haben es nicht bereut.

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