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Kampf und Toleranz

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 26. Sonntag im Jahreskreis 28. September 2003, (Mk 9,38-43.45.47-48)

28.09.2003
© Franz Josef Rupprecht

Ein schwieriges Evangelium! Scheinbar widersprüchlich. Am Anfang ganz weitherzig und tolerant, dann ganz radikal, fast fanatisch streng. Wenn wir in den Worten Jesu solchen Gegensätzen begegnen, dann heißt das, dass der Meister uns aufwecken will. Um uns wachzurütteln, greift er zu kräftigen Bildern, zu harten Worten, an denen wir nicht vorbeikommen ohne davon erschüttert zu sein. Versuchen wir, wach hinzuschauen und zu hören, was uns selber an diesen Worten betrifft.

 

Der erste Teil spricht von der Offenheit und Toleranz, der zweite von dem, was Unerträglich ist und daher mit aller Kraft bekämpft werden muss.

 

Ein Apostel, der gute Johannes, regt sich darüber auf, dass da jemand im Namen Jesu Gutes tut, ohne "zu uns" zu gehören, "mit uns" zu gehen, ohne "einer der Unsrigen" zu sein. Verbieten will er es ihm, ihn daran hindern. Jesus tadelt eine solche Einstellung, ja er lehnt sie ab.

 

Das sollen seine Jünger, die Christen, nie vergessen: es gibt auch außerhalb ihres Kreises viel Gutes. Die Kirchengrenzen sind nicht die Grenzen Jesu. So viel an Hilfsbereitschaft, an Güte, an Nächstenliebe findet man auch außerhalb der Kirchengemeinschaft. Und wo immer Gutes getan wird, da sind Menschen Jesus nahe, und er ihnen. Selbst wenn sie nur einem Durstigen ein einfaches Glas Wasser gereicht haben, wird Gott es ihnen lohnen.

 

Nicht das Gute sollt ihr behindern, sondern gegenüber dem Bösen sollt ihr hart sein, unerbitterlich! Vor allem gegenüber dem Bösen in euch selber! Hier hört die Toleranz Jesu auf. Kaum einmal hat er so scharfe Worte gesprochen wie hier. Das Wort vom Mühlstein um den Hals zeigt an, was in den Augen Jesu wirklich unerträglich ist, wo "Null Toleranz" angesagt ist. Besser weg mit Hand, Fuß, Auge als dem Bösen nachgeben. Besser mit einem Auge, einem Fuß, einer Hand gerettet werden, als mit beiden für immer zugrunde gehen.

 

Unerträglich ist für Jesus die Verführung zum Bösen. Zu Recht empört es uns heute, wenn wir sehen, wie junge Menschen zur Droge verführt werden. Zu Recht wird Kindesmissbrauch, wo immer er vorkommt, scharf verurteilt. Darin besteht große Einigkeit. Aber zum Bösen verführen kann noch viele andere Formen haben: wenn etwa Vorurteile, Hass, Herzlosigkeit von Eltern den Kindern weitergegeben werden. Oder wenn schlechte, ungerechte Arbeitsbedingungen die Moral untergraben und ein anständiges Leben fast unmöglich machen. Dagegen heißt es kämpfen.

 

Vor allem aber gegen die Verführung zum Bösen, die in mir selber lauert: gegen sie sollen wir unerbitterlich angehen. Hau dir lieber die Hand ab, als mit ihr Böses zu tun. Reiß dir lieber den Fuß aus, als auf üble Wege zu gehen. Vor allem aber schau auf dein Auge. Die meiste Verführung zum Bösen geht von den Augen aus. Ich würde noch hinzufügen: und auch von der Zunge, die mit Worten Böses aussät.

 

Jesus spricht von der Hölle. Die Gefahr, verloren zu gehen, liegt in mir selber. Wenn ich nicht bei mir anfange, gegen das Böse zu kämpfen, kann es mich zu einem bösen Ende führen. Unnachgiebig und intolerant soll ich nicht gegenüber den anderen sein, sondern gegenüber dem Hang zum Bösen in mir selber. In diesem Kampf bin ich - Gott sei dank - nicht alleine: Gott ist an meiner Seite!

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