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Danke Bartimäus

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 30. Sonntag im Jahreskreis Österreichischer Nationalfeiertag 26. Oktober 2003, (Mk 10,46-52)

26.10.2003
© kathbild.at/Rupprecht

Wer in den armen Ländern dieser Welt war - und die meisten Länder zählen dazu -, dem ist der Anblick blinder Bettler vertraut. Zur bitteren Armut kommt bei ihnen noch die Blindheit dazu. Sie macht noch hilfsloser. Heute könnten viele Erblindungen in diesen Ländern durch bessere medizinische Versorgung verhindert werden. Hilfsorganisationen wie die "Christoffel Blindenmission" leisten hier großartiges. Trotzdem bleibt die hohe Zahl der Blinden eines der typischen Zeichen der ärmsten Länder. Jesu Heimatland gehörte zu ihnen. Deshalb begegnen uns im Evangelium so viele Blinde.

 

Aber nur von einem kennen wir den Namen: Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sein Hilfeschrei ist wie das Echo der Not so vieler armer Blinder. Er ist aber auch ein Echo der seelischen Not. Wie viele sitzen am Wegrand des Lebens - allein in ihrer Hilflosigkeit, auf die Seite gedrängt, als lästig empfunden - deren Hilferufe man zum Schweigen bringen will, weil sie die Ruhe oder den Spaß der anderen stören. Bartimäus könnte mein Nachbar sein.

 

Am Blinden von Jericho berührt, dass er sich nicht einfach "abwimmeln" lässt. Er schreit sein Elend heraus. Er ist nicht zum Schweigen zu bringen. Wer verzweifelt ist, verstummt. Wer um Hilfe ruft, der hofft noch. Bartimäus berührt uns, weil er hofft. Er kann auch in mir den Funken der Hoffnung wieder entzünden. Er zeigt, wie das geschehen kann.

 

Bartimäus hört, dass Jesus der Grund ist, warum da eine solche Menschenmenge auf der Straße die nach Jerusalem hinaufführt, daherkommt. Er hat von Jesus gehört, wie so viele damals. Wunder wirken kann er, Kranke heilt er, selbst in hoffnungslosen Fällen hat er schon geholfen. Wer weiß, ob er nicht auch mir helfen kann! Und so ruft Bartimäus Jesus beim Namen, schreit nach ihm, um sich in dieser dichten Menschenmenge Gehör zu verschaffen. Er schreit immer lauter und so lange, bis Jesus, der Angerufene, stehen bleibt und ihn zu sich ruft.

 

Wie typisch ist das Verhalten der Menge: Zuerst will sie den lästigen Schreier zum Schweigen bringen, dann - völlige Kehrtwende - ermutigt sie den Blinden, zu Jesus zu eilen. Wie wetterwendig ist doch die sogenannte "öffentliche Meinung". Es tut mit gut, in diesen Spiegel zu schauen und mich selber zu fragen, wie leicht ich selber einmal so, dann gleich ganz anders denke und handle.

 

Jetzt aber interessiert nicht mehr die Menschenmenge. Jesus und der Blinde begegnen einander, nur mehr das zählt: "Was soll ich dir tun?" "Rabbuni, lieber Meister, ich möchte sehen können."

 

Dass Jesus auch mich heilen kann, an meinem kranken Leib und noch mehr an meiner kranken Seele, diese Hoffnung, dieses Vertrauen schenkt uns der Blinde vom Wegrand bei Jericho. Seit er damals laut und lästig um Hilfe geschrien hat, ist dieser Ruf nicht mehr verstummt. In jeder Heiligen Messe wird seine Bitte wiederholt: Herr, erbarme dich unser! Sein Vertrauen wirkt ansteckend. Nach seinem Vorbild kann jeder in jeglicher Not nach Jesus rufen. Danke dir, Bartimäus, dass du dich von niemandem hast abhalten lassen, auf Jesus zu hoffen!

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