Er hätte nicht sterben müssen. Wäre Jesus rechtzeitig gekommen, es hätte nicht so weit kommen müssen.
Warum musste Lazarus sterben? Marta, seine Schwester, kann ihren Schmerz nicht verbergen. Ein Vorwurf schwingt mit, als sie Jesus begegnet, dem Freund dieser Geschwister, bei denen er so oft abgestiegen ist, wenn er als Pilger nach Jerusalem kam. Warum bist du gerade jetzt nicht gekommen, wo unser Bruder Lazarus so krank war? Gerade jetzt hätten wir dich gebraucht. Du hättest ihn heilen können. Du hast doch so viele geheilt. Sicher hättest du auch deinen Freund, unseren Bruder Lazarus gesund gemacht, und er wäre nicht gestorben.
Wie oft haben sich ähnliche Szenen wiederholt. „Wir haben so gebetet, dass die Mutter wieder gesund wird. Gott hätte sie doch heilen können. Warum hat Gott sie uns genommen?“ Wie viele solche Gebete sind schon gebetet worden? Hört Gott doch nicht auf unsere Notrufe? Lohnt es sich überhaupt, zu beten? Ist Gott im entscheidenden Moment einfach nicht da, so wie Jesus gerade in den Tagen der letzten Krankheit des Lazarus nicht bei seinen Freunden war?
Oder müssen wir uns einfach mit dem Tod abfinden? Gehört er nicht zur Natur wie das Fallen der Blätter im Herbst? Mag sein, aber was wenn der Tod einen jungen Menschen aus dem Frühling seines Lebens heraus reißt? Oder wenn eine unheilbare Krankheit ein Leben mitten in seiner Fülle und Schaffenskraft abbricht?
Gewiss, manchmal wird er Tod als „Erlösung“ aus langem Leid erlebt, als Befreiung aus qualvollem Dahinsiechen.
Marta und Maria haben den Tod des Bruders Lazarus auf jeden Fall nicht so erlebt. Für sie kam er viel zu früh und hinterließ die schmerzende Wunde des Abschieds und der Trennung.
Trotzdem ist Marta nicht verzweifelt. Ihr Glaube schenkt ihr einen großen Trost: „Ich weiß, dass mein Bruder auferstehen wird.“ Sie glaubt an das ewige Leben. Für sie ist mit dem Tod nicht alles aus. Sie glaubt sogar an die Auferstehung der Toten, was damals und heute wieder von vielen nicht geglaubt wird: Dass wir auch leiblich vom Tod erstehen und nicht nur als Seelen weiterleben werden. Sie glaubt also, dass ihr Bruder, der nun schon seit vier Tagen im Grab liegt, nicht immer dort bleiben wird. Sie glaubt, dass er und alle Toten „am Jüngsten Tag“, am Ende der Zeiten, mit Leib und Seele, als ganze Menschen, lebendig sein werden, nicht so wie jetzt unser Leib ist, sondern in einem unsterblichen Leib. Sie glaubt das aus ganzem Herzen. Einmal wird sie ihren Bruder wieder finden, nicht als blassen Schatten, sondern lebendig und leibhaftig. Sie glaubt das, auch wenn sie es sich nicht so richtig vorstellen kann.
Auch ich glaube es. Es ist der Glauben der Kirche, die Überzeugung der Christen. Ich glaube, dass es dieses wirkliche, wahre, neue und glückliche Leben geben wird, jenseits des Todes, wo kein Tod es mehr zerstören kann.
Ich glaube aber auch, was schon Marta geglaubt hat und was so viele nach ihr geglaubt haben: Dass es nicht nur ein Leben nach dem Tod und eine Auferstehung der Toten gibt, sondern dass es auch schon vor dem Tod ein neues Leben gibt.
Wer an Jesus glaubt, lebt auch schon vor dem Tod. Jesus sagt von sich, er sei das Leben. An ihn glauben macht lebendig. Wer ihm vertraut, braucht den Tod nicht zu fürchten, wann immer er kommt. Mit Jesus steht man auf der Seite des Lebens, nicht des Todes.