Vater, Mutter, Kind - eine Familie! Eine kleine Familie. Sie hat das Glück, geeint zu sein. Sie ist arm, obwohl er aus dem alten königlichen Geschlecht Davids stammt. Sie leben in Nazareth. Er ist Handwerker, Zimmermann von Beruf. Einige Verwandte sind namentlich bekannt. Sonst ist nichts bekannt über sie.
Doch, eines wird gesagt: Josef, der Gatte, sei "gerecht" gewesen. Ein gerader, aufrechter Mensch. Und noch etwas: Es gab da ein Geheimnis zwischen ihm und ihr, zwischen Josef und Maria. Sie war schwanger geworden als sie noch verlobt waren, aber nicht von ihm. Er hatte keinen Skandal machen wollen. Er dachte einfach daran, sich in aller Stille von ihr zu trennen ohne sie bloß zu stellen. Bis ihm anvertraut wurde: Nicht ein anderer Mann ist der Vater dieses Kindes, sondern Gott hat es geschenkt. Er glaubt und vertraut ihr, und traut Gott zu, was menschlich nicht begreiflich ist.
In Bethlehem kam es dann zur Welt, dieses von Gott geschenkte Kind. Besondere Zeichen hatte es gegeben, damals in der Nacht seiner Geburt. Hirten, die von Engeln berichteten, kamen das Kind anzusehen. Ein alter Mann im Tempel in Jerusalem sprach rätselhafte Voraussagen über dieses Kind, als die Eltern es nach jüdischem Brauch vierzig Tage nach seiner Geburt Gott weihten. Dramatisches geschah danach. Weise kamen eigens aus dem Osten, von Sternzeichen geleitet, dieses Kind als König zu verehren. Danach die überstürzte Flucht nach Ägypten, schließlich die Heimkehr nach Nazareth. Was wird wohl aus diesem Kind werden, dem so großes vorhergesagt wurde? Wie oft hat diese Frage wohl die Eltern bewegt?
Und nun das Überraschende. Es geschieht gar nichts. Nichts als das ganz gewöhnliche Alltagsleben einer armen Handwerkerfamilie: Tag für Tag die Arbeit, die Sorge um Aufträge, die Mühen, das Nötige zu verdienen. Wir hören nichts von Wundern, außerordentlichen Ereignissen. Ein unscheinbares, verborgenes Leben in einem kleinen, unbedeutenden Dorf. Nur eines gab diesem Leben einen besonderen Glanz: Es herrschte die Liebe zwischen den dreien und Gott hatte den ersten Platz. Die täglichen jüdischen Gebete, der Besuch der Synagoge am Sabbat und jedes Jahr zum Osterfest die übliche Wallfahrt nach Jerusalem.
Und so ging das dahin, dreißig lange Jahre. Mich bewegt diese Frage: Wie sah der Alltag in Nazareth aus? Worüber haben sie geredet, Josef, Maria und Jesus? Die Arbeit, die Sorgen der Verwandten, die politische Lage? Über den Glauben? Über Gottes Wege und Pläne? All das wissen wir nicht, die Bibel schweigt einfach darüber. Und dieses Schweigen sagt uns, dass Gott im Alltag zu finden ist, in den täglichen kleinen Mühen, im täglichen Bemühen um Güte, Geduld und Gerechtigkeit. Wenn Jesus Gott ist, der als Mensch unter uns gelebt hat, dann kann ich ihn im Alltag finden, mitten in meinem gewöhnlichen Leben.
Einmal in diesen langen Jahren leuchtete etwas vom Geheimnis Jesu auf. Als er ohne die Eltern zu informieren in Jerusalem zurückblieb. Angst und Schmerz der Eltern können wir nachfühlen, und auch den vorwurfsvollen Ton, als sie ihn endlich nach drei sorgenerfüllten Tagen finden. Seine Antwort muss weh getan haben: Warum habt ihr mich gesucht? Ich habe mich doch um die Dinge meines Vaters zu kümmern.
Schmerzliche Einsicht: Dieses Kind gehört uns nicht. Er ist von Gott, Er ist sein Vater. Maria diskutiert nicht, sie bewahrt all das in ihrem Herzen, sie nimmt es in ihr Leben in Nazareth hinein, für die vielen kommenden Jahre. Sie lebt wirklich mit Gott im Alltag.