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Im Anfang

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 2. Sonntag nach Weihnachten 4. Januar 2004, (Joh 1,1-18)

04.01.2004
© Franz Josef Rupprecht

Was war am Anfang, als alles begann? Der „Urknall“, so sagen heute viele Wissenschafter. Mit ihm habe alles begonnen. Innerhalb der ersten Sekunden, Minuten, habe sich Entscheidendes abgespielt, seien die Weichen für die weitere Gestaltung des Universums gestellt worden. So konnten sich Sterne bilden, Sterne in unvorstellbarer Zahl, sich zu Galaxien gruppieren. Eine von ihnen ist unsere „Milchstrasse“, in der unsere Sonne mit ihren Planeten kreist, von denen unsere Erde einer ist. Auf ihr ist Leben entstanden, und schließlich der Mensch.

 

So sieht, sehr verkürzt gesagt, das heutige wissenschaftliche Weltbild den Anfang und was daraus wurde.

 

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. So beginnt die Bibel. Alles das, was geworden ist, hat seinen Ursprung nicht in blindem Zufall. Und sollte wirklich alles mit dem Urknall begonnen haben, so kann das nur heißen: so hat Gott die Welt erschaffen. Die Welt ist nicht von selber entstanden, und die Ordnung hat sich nicht von selber gebildet. Ich kann nicht glauben, dass alles sich selber organisiert hat. Alles ist dermaßen wunderbar gefügt und geordnet, dass es mir viel leichter fällt, zu glauben, das alles habe Gott geschaffen, als anzunehmen, das habe sich alles zufällig so gefügt.

 

„Im Anfang war das Wort“. So beginnt der Lieblingsjünger Jesu, Johannes, sein Evangelium. Vor allem Anfang, noch ehe die Welt wurde, war das Wort schon bei Gott, ja es war und ist selber Gott. Nicht der Urknall ist der Anfang, sondern „das Wort“. Man kann es anders übersetzen: Am Anfang war der Sinn.

 

„Alles ist durch das Wort geworden“, sagt Johannes weiter. Alles ist sinnvoll, nichts ist sinnlos entstanden. Mich wundert es, wie manche glauben können, alles sei dem Zufall zuzuschreiben. Die Wissenschaft zeigt eigentlich genau das Gegenteil. Sie versucht ständig, alles zu entschlüsseln und zu begreifen: die Atome, die Moleküle, die Gene, die Zellen, die Organismen. Die ganze Natur ist wie ein großes Buch, in einer Schrift geschrieben, die wir noch nicht ganz entziffert haben. Aber eines ist mir ganz gewiss: Jemand hat dieses Buch geschrieben. Und je mehr wir darin zu lesen lernen, desto mehr staunen wir, wie wunderbar, wie großartig der Test ist, den wir da zu lesen lernen.

 

Gott hat mit Seinem Wort dieses Buch geschrieben, und Er hat uns Menschen das Licht der Vernunft gegeben, damit wir verstehen können, was Er uns durch die Natur, die Schöpfung zu sagen hat.

 

Johannes, der Jünger Jesu, weiß aber auch, dass im Menschenherzen ein Kampf zwischen Licht und Finsternis herrscht. Oft handeln wir gegen alle Vernunft, folgen nicht dem Licht unseres Gewissens, lassen uns zum Bösen hinreißen.

 

Deshalb „kam das wahre Licht in die Welt“. Deshalb „ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Johannes redet hier eine geheimnisvolle, feierliche Sprache. Seine Worte sind wie Hymnus, ein Festgesang. Was da vor wenigen Tagen gefeiert wurde: die Geburt des Kindes in Bethlehem, das leuchtet Johannes bis in seine Tiefe aus. Dieses Kind ist nicht nur ein kleines neugeborenes Menschlein. Es ist Gottes eigenes Wort, Gottes Sohn, der zu uns Menschen gekommen ist. Dieses Kind ist der Schlüssel zum geheimnisvollen Buch Gottes. Willst du das Buch der Schöpfung lesen, willst du Gottes Sprache im Universum, in der Natur, im Leben, im Menschen verstehen, dann beuge dich über die Krippe. Das Kind wird es dir verraten: Gott hat alles aus Liebe und in Liebe geschaffen, und nur die Liebe kann das Wort, den Sinn begreifen, den Gott in alles gelegt hat.

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