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Versuchung

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 1. Fastensonntag, 29. Februar 2004, (Lk 4,1-13)

29.02.2004
© Rupprecht@kathbild.at

Die Fastenzeit beginnt. Vierzig Tage sind es bis Ostern, genau die Zeitspanne, die Jesus fastend in der Wüste verbracht hat. "Die ganze Zeit über aß er nichts". Es war ein radikales Fasten, nicht zum Abmagern, keine Fastenkur mit Reduktionskost, sondern eine Zeit ganz mit Gott und für Gott. Nichts soll zwischen Jesus und Gott seinem Vater stehen. Jesus will ganz und gar selber leben, was er seine Jünger von Gott zu erbitten lehrt: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden."

 

Aber da gibt es einen, der das nicht will. Manche glauben, es gebe den Teufel nicht. Sie meinen, das sei nur Einbildung, kranke Phantasie. Jesus hat den Satan immer klar benannt. Er sei der "Vater der Lüge", der "Menschenmörder von Anbeginn". Jesus nennt ihn geradeheraus den "Widersacher", den "Feind des Menschen", der den Menschen hasst, weil er Gott ablehnt, der den Menschen liebt.

 

Ich wundere mich immer wieder, wie manche nach dem 20. Jahrhundert noch bezweifeln, dass es diese "böse Macht" wirklich gibt, die die Bibel "Teufel" nennt. War der menschenmordende Hass Hitlers nur die Ausgeburt menschlicher Bosheit? War Stalins gezielte Ausrottung von Millionen von ukrainischen Bauern durch künstliche Hungersnot (vor 70 Jahren) nur das Wirken einer kranken Phantasie? Hier spielt eine höhere, eine das Böse wollende Macht eine Rolle. Dieser Mächtige hat auch Jesus in den Griff zu bekommen versucht. Darum ging der Kampf in den vierzig Wüstentagen.

 

"Jesus wurde vom Teufel in Versuchung geführt." Was heißt "Versuchung"? Worin bestand sie für Jesus? Nicht zuerst im sexuellen Bereich, an den wir meist denken, wenn von Versuchung die Rede ist. Auch nicht im Essen und Trinken, wo wir so leicht in Gefahr sind, das Maß zu verlieren. Diese Versuchungen gibt es, wir kennen sie leider nur zu gut.

 

Die drei Versuchungen Jesus sind radikaler. Sie zielen alle drei auf einen Punkt: die Macht. Jesus ist doch Gottes Sohn. Also zeige deine Macht, setze sie voll ein, und du wirst vollen Erfolg haben! Tu ein kräftiges Schauwunder, und alle Welt wird dich bejubeln! Und alles wird dir gehören, alle Macht und alle Reiche der Erde! Stürze dich vor aller Welt vom höchsten Punkt des Tempels hinab. Gottes Engel werden dich auffangen, und alle werden über deine Macht staunen.

 

Wir wissen nicht, wie sich diese Versuchungen im Herzen Jesu abgespielt haben. Wir wissen aber sicher, dass er nicht der Verlockung der Macht nachgegeben hat. Er wollte nicht mit äußeren Eindrücken die Menschen blenden. Nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen ist er gekommen. Dazu hat Gott ihn geschickt, dass er sein Leben für uns Menschen gibt. Wahrscheinlich hat er schon damals in der Wüste zum Kreuz Ja gesagt. Der Hass des Widersachers hat ihn letztlich ans Kreuz gebracht, die Menschen, die es getan haben, waren dabei Instrumente des Bösen, und Jesus hat ihnen verziehen. Er hat den Teufel besiegt, ohne Macht, ohne Armee, nur dadurch, dass er ganz beim Willen Gottes blieb.

 

Versuchung heute - wie sieht sie aus? In vielen Gestalten ist der Teufel am Werk. Meist sind es kleine Schritte die, aneinander gereiht, zum Irrweg werden. Eines ist allen Versuchungen gemeinsam: sie sehen tausendmal gut und viel versprechend aus - und sie lassen uns enttäuscht und leer zurück. Nur war zu Gott hinführt, macht glücklich, auch wenn es Überwindung kostet.

 

Jesus hat nicht nur für sich der Versuchung widerstanden, sondern auch für mich. Wo ich versage hat er gesiegt, auch für mich. Mit ihm kann ich neu anfangen, trotz meiner Schwäche. Und dagegen ist auch der Teufel machtlos!

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