Grauenhaftes ist in Jerusalem passiert. Es klingt wie eine heutige Nachrichtenmeldung von einem Selbstmordattentat eines Palästinensers in einem israelischen Bus. Osterpilger aus Galiläa, der Heimat Jesu, waren gerade dabei, im Tempel ihr Opfer darzubringen. Wahrscheinlich war es das Paschalamm. Da stürmen römische Soldaten herein. Nach jüdischem Gesetz dürften sie nicht in dem Tempel. Aber beim Osterfest herrscht in Jerusalem
Hochspannung. Zigtausende Pilger füllen die Heilige Stadt. Die römische Beatzungsmacht fürchtet immer Aufstände und Terroranschläge gegen die Einrichtungen der Römer. Pontius
Pilatus, der römische Stadthalter, sonst kein besonderer Held, ist bekannt für sein grausames
Durchgreifen. Ohne Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Juden, lässt er eine Gruppe von galiläischen Pilgern, die ihm als Terroristen verdächtig scheinen, im Tempel niedermachen, "so dass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte."
Schock, Entsetzen, Wut - und viele Fragen bei den Leuten. Dass man gegen die Römer ist, das ist nicht die Frage, das ist sozusagen selbstverständlich. Eine andere Frage bewegt die Leute, damals wie heute: Wie kann Gott so etwas zulassen? Aber anders als heute, wird nicht Gott angeklagt, sondern die Schuld beim Menschen gesucht. Diese ermordeten Galiläer müssen wohl etwas angestellt haben, dass Gott eine solche Strafe zulässt. Was war wohl ihre Sünde?
Jesus kehrt die Sichtweise völlig um. Sicher, diese Galiläer waren Sünder. Aber glaubt ihr denn wirklich, dass ihr keine Sünder seid, nur weil euch im Moment kein Unglück widerfahren ist? Glaubt nicht, ihr seid in Sicherheit!
Um das deutlich zu machen, zitiert er eine andere "Schlagzeile" aus den damaligen Nachrichten. Durch Grabungsarbeiten beim Bau einer Wasserleitung ist ein Festungsturm beim Teich Schiloach eingestürzt und hat achtzehn Menschen unter sich begraben. Heute würde sofort die Suche nach einem Schuldigen beginnen: bei der Baubehörde der Stadt Jerusalem, bei der Baufirma. Und wenn ein Schuldiger gefunden wird, würde dieser bestraft werden. Damals bewegte noch eine andere Frage die Gemüter: Was haben wohl die Opfer angestellt, dass Gott dieses Unglück zuließ?
Jesus hat damals die Sichtweise radikal umgedreht, und er würde es auch heute so tun. Frage dich bei solchen Schreckensnachrichten nicht zuerst, wer da schuldig ist, um auf ihn zu zeigen. Frage nicht zuerst, warum Gott so Grausames zulässt. Fang zuerst bei dir selber an. Du hättest unter den Opfern sein können. Wärst du dann bereit gewesen, vor Gottes Angesicht zu treten? Wie sähe die Rechenschaft über dein eigenes Leben aus, wenn ein plötzlicher Tod dir die Schlussrechnung abverlangt?
Wenn du solche Schreckensnachrichten hörst, denk einmal nach, wie geduldig Gott mit dir ist. Er macht es mit dir wie der Weingärtner, der dem unfruchtbaren Feigenbaum noch eine letzte Chance gibt, obwohl er bisher keinen Ertrag gebracht hat. Kehr um, noch ist Zeit!