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Wo Gott wohnt

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 6. Sonntag der Osterzeit 16. Mai 2004, (Joh 14,23-29)

16.05.2004
© rosemarie guttmann

Abschiedsworte. Auch an diesem sechsten Ostersonntag ist das Evangelium aus den "Abschiedsreden" Jesu. In den Stunden der Nacht vor seiner Gefangennahme spricht Jesus lange zu seinen Freunden. Er vertraut ihnen an, was ihm am wichtigsten ist, sozusagen sein Testament. Jedes Wort hat Gewicht. Alles ist so dicht, dass es viel Zeit braucht, den Sinn seiner Worte zu erfassen. Seit fast zweitausend Jahren haben Menschen sie meditiert, daraus Kraft geschöpft.

 

Ein Wort hat dabei immer besonders die Aufmerksamkeit erweckt: "Wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen." Wie kann Gott beim Menschen "Wohnung machen", wie es wörtlich heißt? Über dieses Wort haben die christlichen Mystiker oft gesprochen. Die Lehrer des geistlichen Lebens sehen darin eine der großartigsten Verheißungen Jesu. Was besagt sie?

 

Gott wohnt nicht nur "im Himmel", in seiner der Erde fernen Welt "dort oben". Er wohnt auch "mitten unter uns", ja mehr noch, "in uns". Gott ist der ganz "Jenseitige" und der ganz "Inseitige". In vielen Religionen lebt das Gespür, dass Gott in allen Dingen gegenwärtig ist, im Stein und in der Pflanze, im Tier und im Menschen. Um das zu bezeichnen, sagt der Glaube: Gott ist allgegenwärtig. Aber seine Gegenwart ist nicht überall "gleich stark". In der Natur, der unbelebten wie der belebten, ist Gott als ihr Schöpfer da, mit seiner Kraft, die alles schafft und erhält, die das Atom zusammenhält, der Blume Wachstum schenkt, dem Tier das Leben gibt.

 

In uns Menschen will Gott noch auf stärkere Weise anwesend sein: Er will bei uns "Wohnung nehmen", wie ein Nachbar, ein Freund, ein Geliebter: "Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden kommen und bei ihm wohnen."

 

Wie merken wir, dass Gott bei uns Wohnung genommen hat? Den Nachbarn kann man sehen und hören, zum Ärger oder zur Freude. Einen Mitbewohner können wir ansprechen. Den Geliebten kann man umarmen. Aber Gott?

 

Jesus sagt, er werde kommen, mit dem Vater und auch dem Heiligen Geist. Können wir dieses Kommen bemerken? Wie und woran? Manche Menschen machen wirklich die Erfahrung, dass Gott in ihr Leben kommt. Ich denke an den französischen Schriftsteller André Frossard, der in einem viel gelesenen Buch ("Gott existiert. Ich bin ihm begegnet") seine Bekehrung beschrieb. In sein Leben ist Gott plötzlich eingetreten und hat es von Grund auf verwandelt. Meist aber geschieht das Kommen Gottes behutsam, Schritt für Schritt, als wollte Er uns erst langsam an Seine Gegenwart gewöhnen, ohne uns zu schrecken.

 

Jesus sagt, das wirke der Heilige Geist in uns, den er den "Beistand" nennt: "Er wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." Auf die "innere Stimme" hören, was das Herz und das Gewissen uns sagen, das bringt Gott nahe. Auf das Wort Jesu hören und es halten, sich daran festhalten, das lässt Ihn bei uns wohnen. Gott ist überall, seine Gegenwart erfüllt alles. Bei uns aber will er "wohnen", in Herzensnähe.

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