Man muss sich die Szene lebhaft vorstellen. Ein Gastmahl im Orient. Die Gäste (nur die Männer) liegen auf Polstern, dem Tisch zugewandt, die Füße nach hinten, auf die linke Hand gestützt, mit der rechten (ohne Essbesteck) essend. Die Häuser sind offen. Bedienende und Neugierige drängen sich um die Tischgemeinschaft.
Der Gastgeber ist ein bekannter Pharisäer, also ein streng gläubiger Jude. Er hat Jesus persönlich zu seinem Gastmahl geladen, obwohl die Gruppe der gesetzestreuen, frommen Pharisäer manches an Jesus auszusetzen hatte, ja ihn zum Teil so radikal ablehnte, dass einige ihn sogar umzubringen planten. Simon scheint für Jesus doch eine gewisse Sympathie gehabt zu haben, sonst hätte er ihn nicht zu sich ins Haus eingeladen.
Sie liegen also um den Tisch. Das Mahl hat begonnen. Da drängt sich eine Frau herein, die in jener Stadt als Sünderin galt. Was war ihre Sünde? Der Evangelist Lukas sagt es nicht, aber jeder denkt sich sein Teil. Das hat sich bis heute nicht geändert. "So eine Sünderin", damit meint man die Sünden des sechsten Gebotes.
Was die Sünderin jetzt tut, ist für alle Anwesenden schockierend. Selbst in unserer abgebrühten Zeit, für die es keine Tabus mehr gibt, ist ihr Verhalten anstößig. Ich versuche mir immer vorzustellen, wie wir "Kirchenmänner" heute reagieren würden, wenn eine "Sünderin" sich uns so näherte, wie diese Frau es bei Jesus tat.
Sie tritt von hinten an Jesus heran, der barfuss auf dem Diwan beim Essen liegt. Sie hat kostbares Öl mitgebracht - in der Hitze des Orients wichtig und wohltuend für die Haut. Vor allem aber ein Tränenstrom! Sie weint und weint, und ihre Tränen fließen Jesus über die Füße. Und Jesus lässt es geschehen. Er ist von dieser Sünderin nicht angewidert, er stößt die nicht weg, die ihn da berührt; ja er lässt sie gewähren, als sie ihm mit ihren langen Haaren die Füße abtrocknet. Die anderen sind über diese erotisch wirkenden Gesten entsetzt. Vielleicht weiß Jesus gar nicht, was für eine Frau die da ist?
Jesus weiß es, und er weiß auch, was sich Simon und andere in ihrer Phantasie denken, in der so manches verborgenes Erotisches seinen Platz hat, trotz aller Frömmigkeit. Nein, hier geht es einmal nicht um Erotik und Sex, hier geht es nicht um die Wünsche der Männer und die "käufliche Liebe". Hier geht es um die Liebe, die diese Frau bisher vergeblich gesucht hat. Hier ist einer, der sie nicht als Lustobjekt begehrt, sondern der die tiefste Sehnsucht nach Liebe in den Tränen und Gesten dieser Frau erkannt hat und der alleine ihr eine Liebe zurückschenken konnte, die ihr Herz nicht hungrig und leer zurücklässt.
Simon bekommt vielleicht die wichtigste Lehre seines Lebens. Und wir mit ihm, wenn wir zuhören und das Herz öffnen. Simon, ihr alle, die ihr ständig über andere urteilt, begreift es doch endlich: Nur die Liebe zählt im Leben! Die echte, wahre Liebe, die weiß: auch mir ist unendlich viel vergeben worden. Und wenn ich keine Dirne geworden bin, niemanden umgebracht habe, kein Dieb und Räuber geworden bin, dann nicht weil ich so viel besser bin als Dirnen und Mörder, sondern weil Gott mir gnädig war und mich davor bewahrt hat. Liebe ich Ihn dafür entsprechend?