Der barmherzige Samariter gehört zu den Gestalten des Evangeliums, die sprichwörtlich geworden sind. In der Hilfsorganisation des "Arbeiter-Samariter-Bundes" kommt dies zum Beispiel zum Ausdruck. Wer ist er, dieser Reisende, der an der Not des Nächsten nicht achtlos vorbeiging?
Es beginnt mit einer typischen theologischen Diskussion, wie sie auch heute gerne geführt wird: diskutieren um des Diskutierens willen, Fangfragen stellen, die den Anderen in Verlegenheit bringen sollen, Themen, die gerade aktuell oder in Mode sind. Damals war es immerhin die Frage, wie man das ewige Leben erlangt. Heute sind es oft viel oberflächlichere Themen, die "man" anspricht, wenn es um Religion und Kirche geht, wie zum Beispiel "die Inquisition", "die katholische Sexualmoral", "die reiche Kirche".
Jesus gibt der Diskussion eine ganz persönliche Wende: Nicht auf das, was "man" gerade sagt, ja nicht einmal auf das, was in der Bibel steht, kommt es an, sondern einzig und allein darauf, ob du danach handelst und lebst. Plötzlich geht er nicht mehr um eine allgemeine, unverbindliche Diskussion, sondern um mich ganz persönlich.
"Wer ist mein Nächster?" Nächstenliebe, untrennbar von der Gottesliebe: Wie sieht sie aus? Die Geschichte, die Jesus erzählt, hat es in sich. Bis heute bleibt sie eine harte Nuss. Der Priester hat es eilig. Er kommt vom Tempeldienst in Jerusalem, will heim. Vielleicht fürchtet er die Räuber, die den halbtot am Wegrand Liegenden so zugerichtet haben. Sie lauern vielleicht auf ein nächstes Opfer. Also nichts wie weiter. Nichts sehen, nichts bemerken, schell weggehen. Der Levit, der nach ihm kommt, ein niedrigerer Rang der Geistlichen, folgt dem traurigen Beispiel des höheren Geistlichen.
Die "hauptberuflich" Frommen kommen in der Erzählung Jesu nicht gut weg. Das bleibt ihnen (uns Geistlichen!) eine stete ernste Mahnung. Der Samariter, der am Verletzten nicht vorbeigeht, ist ein Fremder, ein Ausländer. Die Samariter galten damals in Israel als "Volksfeinde", ihre Religion wurde als halbheidnisch abgelehnt. Ausgerechnet einen solchen Menschen stellt Jesus als Vorbild hin. Er unterbricht seine Reise, schaut nicht - so würden wir heute sagen - auf die Uhr und in den Terminkalender. Da ist ein Mensch in Lebensgefahr. Hilfe tut Not, und ohne zu Zögern leistet er Erste Hilfe, Grundversorgung der Verletzungen, und erst als er ihn in einem Gasthaus versorgt weiß, zieht er weiter.
Vor einigen Jahren durfte ich in einer ökumenischen Feier die neue Einsatzzentale des Arbeiter-Samariterbundes segnen. Man bat mich, auch eine Ikone für das Büro des Kommandanten zu segnen, gemalt von einem russischen Geistlichen. Sie stellte den barmherzigen Samariter dar. Und nun die Überraschung: Er trägt die Züge Jesus Christi. Die Erklärung des Ikonenmalers: Christus selber ist der Samariter, wir sind dieser verwundete Mensch. Jesus übersieht unsere Not nicht. Er hilft und heilt uns, er bringt uns heim in die Herberge seines Vaters. Er erweist sich wirklich als unser Nächster. "Geh, und handle genauso!"