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Ansteckende Freude

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 24. Sonntag im Jahreskreis, 12. September 2004, (Lk 15,1-32)

12.09.2004
© Rupprecht@kathbild.at

Erstaunlich ist dieses "alle" gleich am Anfang. Übertreibt Lukas, der so genau berichtende Evangelist, wenn er sagt, "alle" Zöllner und Sünder hätten damals die Nähe Jesu gesucht, um ihn zu hören? Sicher hat es verwundert, dass gerade jene Menschen sich zu Jesus hingezogen fühlten, die von den "Gerechten" verachtet wurden. Und es müssen viele gewesen sein, die vielen am Rand, in schwierigen Lebenssituationen, deren Leben nicht "in Ordnung" war, die mit dem Leben nicht fertig wurden. Was zog sie an Jesus an? Warum wollten gerade sie ihn hören, während "die Frommen" sich darüber aufregten, dass Jesus sich mit solchen Leuten einlässt, ja sich mit ihnen an einen Tisch setzt. Das gemeinsame Essen war damals mehr als nur ein gesellschaftliches Miteinander, es hatte tiefe religiöse Bedeutung. Tischgemeinschaft war Glaubensgemeinschaft. Miteinander das Brot brechen hieß auch, miteinander den Glauben teilen. Wenn Jesus sich mit "Sündern" zum Mahl zusammensetzt, sagt er ihnen: Gott hat euch verziehen, Er nimmt euch auf, ihr seid mit Ihm versöhnt.

 

Jesus antwortet seinen Kritikern mit den beiden Gleichnissen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Münze, vor allem aber mit dem nachfolgenden Gleichnis vom verlorenen Sohn.

 

Ich muss dabei immer an den Pfarrer meiner Kinderzeit denken, den wir alle sehr geliebt haben. Er war die Güte ihn Person. Manche Frommen fanden, er sei zu gut, er gehe zu weit. Dass er auch den verrufenen Nachtlokalbesitzer besuchte, dass er auch an der Haustür derer, die einen "fragwürdigen Lebenswandel" hatten, nicht vorbeiging, hat mich als Jugendlicher sehr beeindruckt. Als er ganz plötzlich noch sehr jung (mit 54 Jahren) verstarb, war bei allen große Trauer.

 

Was war sein Geheimnis? Was ist das Geheimnis Jesu? Das Gleichnis sagt es: Keiner ist ihm egal. Wie der Hirte geht er dem "verlorenen Schaf" so lange nach, bis er es findet und heimbringen kann. Auch wenn die kleine verlorene Kupfermünze nicht viel wert ist, die Hausfrau sucht, bis sie sie findet.

 

Aber ist es nicht zu riskant, die 99 anderen Schafe zu verlassen, nur wegen eines einzelnen? Stimmen da die Maße noch? Sind die 99 nicht viel wichtiger als das eine, das sich vielleicht aus eigener Schuld verirrt hat? Hätte es besser aufgepasst, wäre es nicht auf Irrwege gegangen. Wie kommen die anderen dazu, für das eine Verlorene zu büßen?

 

Jesus meint es nicht spöttisch, wenn er sagt, die 99 Gerechten brauchen nicht umzukehren. Es ist ja schön, erfreulich und gut, auf dem rechten Weg zu sein, und Jesus kritisiert sicher nicht die, die ehrlich fromm und geraden Herzens sind. Aber er will, dass die "Frommen" sich freuen über jeden, der "heimfindet". Kein Wort ist stark genug, um das auszudrücken: Mehr Freude herrscht im Himmel, bei den Engeln, bei Gott selber, über einen Menschen, der zu Gott zurückfindet, als über alle anderen, die die Rückkehr nicht nötig haben. Wenn ich von dieser Freude höre, dann muss ich immer an das fröhliche, strahlende Gesicht meines Heimatpfarrers denken. Und seine Freude war einfach ansteckend.

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