Sie hatten die Türen fest verschlossen. Sie hatten Angst, und das nicht ohne Grund. Hat man ihren Meister festgenommen, warum sollten dann sie ungeschoren davonkommen? „Bist du nicht auch einer seiner Anhänger?“ Diese Frage der Magd im Hof des Hohenpriesters hatte Petrus dermaßen erschreckt, dass er seinen Meister verraten hat.
Angst um das eigene Leben! Wie viele Menschen haben das durchlitten, in der Nazizeit, im Kommunismus, in allen Diktaturen! Ich wehre mich immer gegen die vorschnelle Verurteilung durch Menschen, die nie solche Situationen erlebt haben. Wie hätte ich reagiert, wenn KZ, Folter, Tod mich bedroht hätten? Heldenhaft war es nicht, dass die Apostel ihren verehrten und geliebten Meister im Stich gelassen haben. Beschämend war es, dass sie alle (außer Johannes) beim Kreuz gefehlt haben. Noch beschämender war es, dass sie sich nicht einmal um seinen Leichnam gesorgt haben. Wäre nicht Joseph von Arimathäa und Nikodemus eingesprungen, die Leiche Jesu wäre einfach in ein Massengrab geworfen worden.
Angst erklärt vieles, auch wenn sie es nicht entschuldigt. Alle sollen wir uns angesichts der furchtsamen Apostel fragen, wo unsere eigenen Ängste bewirken, dass wir uns lieber zurückziehen, wegschauen, nichts wissen wollen, weil wir nicht den Mut haben, uns zu Bedrängten, Verfolgten, ungerecht Behandelten hinzustellen und das Risiko der Solidarität einzugehen. Wenn wir ehrlich mit uns selber sind, werden wir vorsichtig im Urteil über andere, die angeblich aus Feigheit versagt haben.
Jesus verurteilt seine Leute nicht, obwohl er allen Grund dazu hätte. Ohne Vorwürfe ist er plötzlich da, an diesem Abend des Ostertages, und eine Woche später wieder: „Friede euch!“ „Schalom“ – so ist noch heute der jüdische Gruß. Und was Er sagt, das bringt Er auch. Sein Kommen vertreibt die Angst. Wie oft hatten sie das erlebt, als sie noch mit Ihm unterwegs waren. Mitten im Seesturm, in der panischen Angst unterzugehen, bringt Er Ruhe und Frieden. So ist es auch jetzt wieder. Kaum ist Er in ihre Mitte getreten, kommt Freude auf. Die Angst ist wie weggeblasen. Sie haben wieder Zuversicht und Vertrauen gefasst.
Nur einer ist noch nicht so weit: Thomas, der am Osterabend nicht dabei war. Sie können ihm noch so sehr von ihrer Begegnung mit Jesus erzählen, er kann es nicht glauben. Er bleibt skeptisch, zweifelnd, ungewiss. Ich denke, es geht uns immer wieder ähnlich wie Thomas. Wie oft klagen Eltern, dass sie ihren Kindern den Glauben nicht weitergeben können. Man kann den Glauben vorleben, bezeugen, davon reden. Aber den persönlichen Schritt des Glaubens können wir den anderen nicht abnehmen. Den muss jeder selber tun!
Den Aposteln hat Jesus ihre Angst und ihr Versagen verziehen. Sie haben es ihm mit Treue und Glauben gedankt und alle für Ihn ihr Leben gegeben. Selig, wenn wir es auch so tun!