Es ist schon etwas ganz Besonderes, über dieses Evangelium an Ort und Stelle nachzudenken. Ich schreibe diese "Gedanken zum Evangelium" in Israel, in Galiläa, genauer auf dem "Berg der Seligpreisungen", mit einem unbeschreiblichen Blick auf den ganzen See Genesareth, auch "See von Tiberias" genannt; links die Golan-Höhen, rechts das "Taubental", durch das Jesus auf seinem Weg von Nazareth nach Kapharnaum gezogen ist.
Wenn auch der Frieden im Heiligen Land noch immer nicht gesichert ist und noch viele Schritte notwendig sind, um ihn zu festigen, so ist doch zumindest eine etwas ruhigere Zeit eingekehrt. Ein Aufatmen ist zu spüren. Die Pilger sind wieder da. Man traut sich wieder, die heiligen Stätten der Bibel zu besuchen. Besonders für die Christen im Land ist das eine Überlebensfrage. Zu viele sind in den vergangenen Jahren schon ausgewandert, weil sie keine Zukunft sahen.
Ostern in Galiläa: Dankbar darf ich, mit einer österreichischen Pilgergruppe, die Tage nach dem Fest der Auferstehung Jesu gerade an den Orten erleben, wo Jesus sich als der Auferstandene gezeigt hat. Die Erscheinung, von der das heutige Evangelium spricht, ereignete sich am Ufer des Sees Genesareth, wo Jesus so oft mit seinen Jüngern war. Für die Apostel ist diese Gegend voller Erinnerungen. Hier waren die meisten von ihnen zu Hause. Hier hatten sie ihre Familien, ihren Beruf als Fischer, Zollbeamte, Handwerker. Hier waren sie Jesus begegnet, hatten alles verlassen, um ein unstetes, armes Wanderleben zu beginnen. Hier hatten sie Jesus als Rabbi, als Lehrer erlebt, dem die Menschen in Massen zuliefen, dem sie an den Lippen hingen. Hier hatten sie seine unglaublichen Wunder gesehen, wie er Kranke einfach durch ein Wort gesund machte, tausende Menschen mit fünf Broten sättigte, bei tosendem Sturm über das Wasser des Sees ging.
Aber all das war jetzt Vergangenheit. Nach der anfänglichen Begeisterung hatte sich die Stimmung gewendet. Jesus hat nicht nur liebe Worte gesagt und schöne Wunder gewirkt, sondern auch Forderungen gestellt. Er hat zur Umkehr aufgerufen, hohe sittliche Ansprüche gestellt und den Glauben an Gott und an ihn erwartet. Das war den Meisten zu viel. So ließen viele wieder ab von ihm, die Schar um ihn wurde kleiner, und als er schließlich am Kreuz vor den Toren der Stadt Jerusalem hing, konnte man seine Getreuen an den Fingern abzählen.
Zwar gab es dann die große Freude des Ostertages. Sein Grab war leer, und Er selber erschien ihnen, lebendig, aber doch nicht mehr von dieser Welt; leibhaft, aber doch nicht greifbar. Irgendwie musste das Leben weitergehen. Also zurück zum alten Beruf, in die alte Heimat. Fischer wie eh und je. Mit Glück oder mit Pech. "In dieser Nacht fingen sie nichts." Da sehen sie einen am Ufer. Und als sich ihre leeren Netze überraschend füllen, packt es sie: "Es ist der Herr!"
Am Ufer wartet er mit einem Mahl. Von hier aus begann einen neue Geschichte. Bald wird er ihnen sagen: Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Sie haben es getan, sie tun es bis heute, und wir mit ihnen.
An der Stelle, wo damals vermutlich Jesus den Jüngern am Ufer erschienen ist, darf ich heute die heilige Messe feiern. Die Geschichte mit Jesus ist nicht zu Ende. Sie ist lebendig wie am ersten Tag, damals, zu Ostern in Galiläa.