Wer betet, lebt. Beten ist das Leben der Seele, es ist notwendig wie das Atmen für den Leib. Ohne Beten ist unser Leben kurzatmig, die Seele droht zu ersticken.
Nach Ostern war ich in Jerusalem. Ich besuchte auch die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelplatz. Es beeindruckt, so viele Menschen allen Alters, Männer wie Frauen, auf den Teppichen hocken oder knien zu sehen, im Gebet versunken.
Edith Stein, die jüdische Philosophin, damals ganz ungläubig, besichtigt den Dom in Frankfurt. Da sieht sie eine Frau, die mit ihren Taschen vom Markt kommt. Sie kniet nieder und verweilt im Gebet. Edith Steins Unglaube kommt ins Wanken. Was geschieht da im Gebet? Bald wird sie gläubig, lässt sich taufen, wird Karmelitin und 1942 in Auschwitz vergast. Papst Johannes Paul II. hat sie heilig gesprochen.
Papst Johannes Paul II. beten sehen: Öfters hatte ich dazu aus der Nähe Gelegenheit. Er war wie völlig eingetaucht in das innere Gespräch mit Gott. Unvergesslich, sein Gebet zu spüren und zu ahnen.
Wie war das erst bei Jesus! Sein Leben war so sehr Gebet, wie ein Weinstock aus seinen Wurzeln lebt. Im Gebet des heutigen Evangeliums lässt Jesus uns ein wenig in sein Innerstes blicken, das er sonst verborgen hält. Meist betet er ja alleine, an einsamen Plätzen, besonders in der Nacht. Hier lässt er einmal seine Freunde an seinem Gebet teilnehmen. Wie betet er?
Zuerst mit dem Leib: "Er erhob Seine Augen zum Himmel." Wir trauen uns zu wenig, leiblich zum Ausdruck zu bringen, was uns bewegt. Im Gebet müssen Leib und Seele zusammenwirken.
Der Inhalt des Gebetes Jesu besteht in einem Wort: "Vater!" Darin ist alles enthalten, um was es ihm geht. Er sucht als Erstes und Wichtigstes, dass sein Vater "verherrlicht" wird. Er sucht nicht Seine eigene Ehre, sondern die Gottes: "Ich habe dich auf Erden verherrlicht."
Die Ehre Gottes suchen - ist uns das nicht zum Fremdwort geworden? Gegenfrage: Braucht denn Gott unsere Ehrbezeugungen? Ist er darauf angewiesen, dass wir Menschen ihn loben? So, wie wir es gerne sehen, wenn wir von anderen Lob und Ehre erhalten? Ja, Gott braucht unsere Ehre, aber nicht so, wie wir es uns vorstellen. Seine Ehre, so sagt ein früher christlicher Autor, "ist der lebendige Mensch".
Gott wird nicht dadurch groß gemacht, dass der Mensch niedergedrückt wird. Seine Freude und Ehre ist es, wenn wir, seine Geschöpfe und Kinder, gut gedeihen. Und da wir oft missraten, lässt Gott es sich viel kosten, uns zu retten. Jesus verherrlicht Seinen Vater, indem er Seine Herrlichkeit verlässt, ein armer Mensch mitten unter uns wird, bis zum Kreuz für uns: "Ich habe das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast."
Nun bittet Jesus ständig für uns, "für alle, die du mir gegeben hast". Keiner soll verloren gehen. Denn alle sind Gottes Kinder. Darum hat jeder Platz im Gebet Jesu. Er vergisst keinen! An der Weite dieses Betens Maß nehmen: Versuchen wir es wenigstens.