Gleich dreimal heißt es heute: Fürchtet euch nicht! Was Jesus damals zu seinen Aposteln gesagt hat, wurde geradezu das Motto des großen Papstes Johannes Paul II. Vielen ist unvergesslich, wie vor 27 Jahren, am 16. Oktober 1978, zur großen Überraschung seit Jahrhunderten zum ersten Mal ein Nichtitaliener zum Papst gewählt wurde. Als der Krakauer Kardinal Karol Wojtyla auf die Loggia des Petersdomes trat, als Johannes Paul II., war eines seiner ersten Worte: Non avete paura. Fürchtet euch nicht!
Es blieb das Leitmotiv seines Pontifikats. „Fürchtet euch nicht vor den Menschen.“ Er wusste, was Jesus damit meinte. Er war die Lebensgefahr gewohnt, die von Menschen ausgehen konnte. Zuerst von den Nazis im besetzten Polen mit ihren KZs und den willkürlichen Terrormethoden. Dann von den Kommunisten mit ihrer systematischen Verfolgung der Kirche, der Freiheit, des Denkens.
Er wusste, was Angst heißt. Ständig bedroht, überwacht, bespitzelt sein. Die Angst, verraten, ausgeliefert zu werden. Die Angst vor Folterung, Lager, qualvollem Tod. Heute haben wir leicht reden über die damalige Zeit. Ich habe nie ein Terrorregime wie die Nazis oder die Kommunisten erlebt. Ich weiß nicht aus Erfahrung, was es heißt, jede Nacht Angst zu haben, von der Geheimpolizei abgeholt zu werden. Papst Wojtyla und die meisten seiner Generation haben es am eigenen Leib erfahren. Wenn er den Menschen zurief: „Fürchtet euch nicht!“, dann war das ein Wort, das er durch sein Leben gedeckt und erprobt hatte.
Woher nahmen Menschen wie er den Mut, die ganz natürliche menschliche Angst zu überwinden? Ich denke, das heutige Evangelium ist wie ein Schlüssel zur Furchtlosigkeit, die die ganze Welt an diesem Papst bewundert hat.
„Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird“, sagt Jesus. Die Gewissheit, dass die Wahrheit ans Licht kommt, gibt Mut. Alle Terrorregimes versuchen, die Wahrheit zu unterdrücken. Sie kommt doch einmal zutage. Das gab vielen in der Verfolgung die Kraft, sich nicht der Lüge zu beugen. Mehr noch: Jesus ermutigt, die Wahrheit von den Dächern zu rufen. Papst Johannes Paul hat sich getraut, auch die für die Kirche unangenehmen Wahrheiten zu nennen, zu bekennen und so die Erinnerung zu reinigen. Wer die Wahrheit nicht fürchtet, braucht sie nicht zu verbergen.
Papst Johannes Paul II. hat die Angst um sein Leben überwunden. Jesus hat ihm dazu den Weg gewiesen. Nicht die sollen wir fürchten, die uns (nur) das leibliche Leben nehmen können. Wirklich zu fürchten haben wir nur das ewige Verderben, die Hölle. Die Gefährdungen der Seele sind viel schlimmer als die des Leibes. Nicht Krankheit ist das größte Übel, sondern die Sünde, die die Seele in Gefahr bringt. Der große Seelenarzt Viktor Frankl hat das aus seiner KZ-Erfahrung bestätigt: Wer seine Seele verkauft und verrät, richtet sich zugrund.
Die Furchtlosigkeit des Papstes hatte aber noch eine tiefere Quelle: sein völliges Gottvertrauen: Fürchtet euch nicht, Gott hält euch so sehr in seinen Händen, dass selbst die Haare eures Hauptes gezählt sind. Wer ganz in Gottes Hand ruht, wird auch in den schwierigsten Situationen erfahren, dass Gottes Nähe die Angst überwindet und tiefen Frieden schenkt.
Papst Johannes Paul II. hat nie so getan, als käme sein Mut aus ihm selber. Er hat sich immer klar und deutlich zu Christus bekannt. Ihm verdankte er seine Kraft, bis hinein in seine letzte Krankheit. Jesus hat an ihm gezeigt, was er versprochen hat: Wer sich zu mir bekennt, zu dem werde auch ich stehen. Bis zur letzten Stunde. Fürchtet euch also nicht!