War Jesus gewalttätig? Die Tempelreinigung war eine recht handfeste Aktion. Empört über das Geschäftstreiben im Heiligtum des Tempels in Jerusalem knüpft Jesus aus Stricken eine Geißel und beginnt, die Händler zum Tempel hinauszutreiben. Er stürzt die Tische der Geldwechsler um. "Heiliger Zorn" hat ihn gepackt. Die Geschäftemacherei im Tempel ist ihm unerträglich.
Hat Jesus also doch nicht vor Gewaltanwendung zurück geschreckt? Ist das Christentum von seiner Wurzel her doch nicht friedfertig? Wenn sein Gründer mit Gewaltaktionen seine religiösen Überzeugungen durchzusetzen versucht hat, was Wunder, wenn seine Jünger es ihm nachgemacht haben. Neben so vielem Guten gibt es in der Geschichte des Christentums leider auch viel Gewalt: gewaltsame Missionierung ganzer Völker, Religionskriege zwischen Christen, zwischen Christen und anderen Religionen, besonders dem Islam.
So fehlt es heute nicht an Stimmen, die behaupten, Religionen seien besonders für Gewalt anfällig. Wer feste religiöse Überzeugungen hat, sei in Gefahr, sie anderen aufzunötigen, und falls dies nicht friedlich gehe, greife man leicht zur gewalttätigen "Bekehrung" des anderen.
Stimmt das? Sind Religionen ihrer Natur nach intolerant und gewalttätig? Vom Islam behaupten das viele. Ist es berechtigt? Auch der Buddhismus, der als ganz friedlich gilt, kann heute ein gewaltbereites Gesicht zeigen (siehe Sri Lanka). Der Hinduismus kennt zur Zeit schlimme Gewaltausbrüche (siehe Indien).
Oder liegt das einfach daran, dass wir alle, als Menschen, eine Neigung zur Gewalt in uns tragen, die unter bestimmten Umständen ausbrechen kann? Dann lautet die Frage: Fördert die Religion den bösen Hang in uns Menschen, mit Gewalt zuzuschlagen? Ich kenne die anderen Religionen zu wenig. Vom christlichen Glauben gilt das, so meine ich, nicht.
Die "Tempelreinigung" war die einzige Gewaltanwendung, die wir von Jesus kennen. Sehen wir uns nüchtern an. Jesus hat keine Waffen (die waren im Tempel verboten). Er "kämpft" alleine, ausgerüstet nur mit einer Strickgeißel. Beim jüdischen Osterfest waren über 100.000 Pilger in Jerusalem. Tausende Schafe wurden für das Ostermahl zum Kauf angeboten. Die Aktion Jesu hat sie sicher nicht alle aus dem großen Vorhof des Tempels verjagen können. In dem unbeschreiblichen Treiben, das im Tempel herrschte, blieb seine Aktion weitgehend unbemerkt. Was wollte Jesus damit?
Sicher keinen Krieg, keine Revolution, keinen Massenaufstand gegen die Römer. Jesus hat ein Zeichen gesetzt. "Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle". Er hat sich dagegen gewehrt, dass alles zum Geschäft wird, selbst das Heiligste, der Tempel Gottes.
Gewalt übt nicht die Religion aus, sondern die Geschäftemacherei. Um Macht und Geld werden die Kriege geführt, und die Religion wird oft zu diesem Zweck missbraucht. Jesus hat nicht zum Krieg aufgerufen, sondern zur Umkehr. Dafür hat er Gewalt erlitten. Dafür ist er bereit gewesen, sein Leben zu geben. Jesus hat nicht zum Schwert gegriffen, sondern zum Kreuz. Er hat es selber getragen und nicht anderen aufgeladen. Dieser Weg hat Frieden gebracht. Wenn wir ihn heute gehen, wird es Frieden geben, nicht Terror, Krieg und Gewalt.