Heute kann jeder leicht eine Bibel haben. Vor 2000 Jahren, zur Zeit Jesu, kostete eine Bibel ein Vermögen. Papier war kostbar, Pergament oder Papyrus, alles war handgeschrieben. Die Schriftrolle, wie sie noch heute in den jüdischen Synagogen verwendet wird, war damals der kostbarste Schatz im Bethaus. Um sie zu bezahlen, brauchte die Gemeinde finanzkräftige Sponsoren.
Von einem ist heute im Evangelium die Rede, Theophilus. Wir wissen nichts Näheres über ihn. Nur so viel, dass Lukas ihm sein Evangelium widmet, wie auch den Folgeband, die Apostelgeschichte. Theophilus (was so viel bedeutet wie „Gott-lieb“) bekommt zum Dank für seine Hilfe einen genauen Bericht über die Geschichte Jesu.
Es gibt keine zuverlässigeren Quellen über die Gestalt Jesu als die Evangelien. Alle die angeblichen Sensationen wie das „Judasevangelium“, das im letzten Jahr für viel Aufsehen gesorgt hat, sind mindestens hundert Jahre später entstanden und schöpfen meist aus trüben Quellen.
Lukas, der von Beruf Arzt war, wusste genau, was ein zuverlässiger Krankenbericht bedeutet. Mit ebensolcher Exaktheit ist er daran gegangen, alles zu suchen und zu sammeln, was er über Jesus erfahren konnte, was die Augenzeugen noch genau in Erinnerung hatten. Ich betone das immer wieder, weil es mich stört, wie leichtfertig oft bezweifelt wird, dass die Evangelien genau und zuverlässig über Jesus berichten.
In Nazareth war Jesus von Kind an bekannt. Die Szene, die heute berichtet wird, haben viele unvergesslich in Erinnerung bewahrt. Seit Jesus von zu Hause weggegangen war, lang war es noch nicht her, ist er fast zu einem „Star“ in Galiläa geworden. Alle reden von ihm, viele suchen und finden Heilung bei ihm. So verstehen wir die große Neugierde, als er am Sabbat in der heimatlichen Synagoge den Vorleserdienst wahrnimmt. Alle schauen auf ihn. Was wird er sagen?
Seine Predigt ist kurz: „Heute ist in Erfüllung gegangen, was ihr eben gehört habt." Was sie hörten, war wirklich eine frohe Botschaft. Die alte Verheißung, dass eine gute Gnadenzeit kommen werde, habe sich heute erfüllt: Gefangene werden befreit, Blinde sehen, Arme können aufatmen.
Mit Jesus hat das wirklich begonnen. Die Kirche, die er gestiftet hat, konnte durch alle Jahrhunderte bis heute erleben, dass Jesus sein Wort hält. Es ist fast schon Mode geworden, lange Listen von angeblichen und leider auch wirklichen Untaten anzulegen, die im Namen der Kirche geschehen sind. Die lange Liste der Wohltaten Jesu durch seine Kirche wird viel weniger genau geführt. Wie viel an Hilfe für Arme, Gefangene, Kranke ging und geht von Jesu Evangelium täglich weltweit aus! Aber das Gute macht wenig Lärm, darum wird es so oft übersehen.
Jesus hat die Bibelstelle, die er vorlas, etwas verkürzt. Am Schluss hatte der Prophet einen „Tag der Rache“ Gottes angekündigt. Warum ließ Jesus diesen Satz weg? Seine Zuhörer, die die Bibel gut kannten, müssen sich gewundert haben. Viele hofften ja auf diesen Tag, an dem Gott an den Feinden seines Volkes Rache verüben würde. Statt dessen fügt Jesus ein anderes Wort hinzu: die Ankündigung eines „Gnadenjahres“ Gottes. Nicht Rache, sondern Gnade bringt Jesus. Am nächsten Sonntag werden wir hören, wie wütend seine Landesleute darauf reagiert haben. Tun wir uns leichter mit Jesu Verzicht auf Rache? Glauben wir an Seine Gnade - auch für unsere Feinde?