Jesus zu Hause! In Nazareth, wo er aufgewachsen ist, wo die Seinen leben, die Verwandten, seine Mutter Maria. Joseph, sein Ziehvater scheint schon gestorben zu sein. Hier kennen ihn alle: seine Spielkameraden, seine Mitschüler, seine Arbeitskollegen. Und wie es bis heute geblieben ist: Sie glauben ihn wirklich zu kennen. Doch wer von uns weiß, was im anderen "drinsteckt". Ist unser Wissen voneinander und übereinander nicht meist sehr oberflächlich, allgemein, von festen Vorurteilen geprägt?
Jesus hat die Seinen überrascht. Vor einiger Zeit ist er plötzlich weggezogen, hinunter an den See, nach Kafarnaum. Er hat zu predigen begonnen, Wunder geschehen, Heilungen. Unglaubliche Dinge erzählt man sich von ihrem Mitbürger. Sein Ruf verbreitet sich über die Landesgrenzen. Scharen kommen, wo immer er auftritt.
Und nun sein erster "Heimatbesuch". Alle sind gespannt. Die Synagoge am Sabbat ist voll wie sonst nie. Alle schauen auf ihn. Er liest aus der Bibel vor. Eine Stelle aus dem Propheten Jesaja. Sie kündigt an, dass eine gute Zeit kommen werde, eine Zeit der Heilung und es Heils für alle. Und dann sagt Jesus: Jetzt ist diese Zeit da. Ich bin der verheißene Heiland.
Alle sind beeindruckt. Seine Worte bewegen. Doch dann kommen Zweifel auf: Moment! Den kennen wir doch! Der ist doch einer von uns! Wieso soll der etwas Besonderes sein? Der ist doch nur der Sohn des Zimmermanns Joseph. Die Mischung ist gefährlich: stolz auf den berühmten Sohn der Heimat - und zugleich Eifersucht und Neid. Er soll sich nicht für etwas Besseres halten!
Jesus muss diese zwiespältige Haltung gespürt haben. Zeig doch, was du kannst! Mach auch bei uns ein paar tolle Wunder! Wir wollen sehen, ob das stimmt, was überall von dir berichtet wird. Warten wir einmal ab, ob wir ihm trauen können. Sie gehen auf kritische Distanz. Sie lassen sich nicht auf ihn ein.
Jesus geht darauf aufs Ganze. Er provoziert sie. Er sagt ihnen auf den Kopf zu, was inzwischen zu einem Sprichwort geworden ist: Kein Prophet gilt etwas in seiner Heimat. Das war schon früher so. Wunder wirkten die alten Propheten bevorzugt unter den Fremden, nicht bei den eigenen Leuten.
Wie schnell schlägt die Stimmung um. Wutentbrannt wollen sie ihn umbringen. Sie treiben ihn aus der Stadt hinaus, versuchen ihn zu töten. Doch er geht souverän mitten durch sie, um nie mehr nach Nazareth heimzukehren.
Was für ein Spiegel! Es lohnt sich, hineinzuschauen. Auch wenn die Erkenntnis schmerzlich ist. Ich sehe in diesem Spiegel unsere österreichische Situation. Jesus war hier zu Hause. So vieles im Land spricht von Ihm, ist christlich geprägt. Aber wir gehen auf kritische Distanz. Abwarten und Tee trinken. Zu Seinem "Verein", der Kirche, verhalten wir uns nach dem Motto: "Eh schon wissen." Alle alten Vorurteile werden gepflegt. Und dann wundern wir uns, wenn Jesus bei uns seinerseits auf Distanz geht. Er tut auch heute seine Wunder. Er heilt und befreit. Er schenkt Freude und neues Leben. Aber nicht dort, wo man österreichisch-neutral auf Abstand bleibt. Da geht er weg. Da lässt er uns stehen. Andere freuen sich auf sein Kommen. Warten schon auf ihn.
Liebe Leser! Ist mein Urteil ungerecht? Ich hoffe es. Ich hoffe, dass Österreich nicht Nazareth ist.