Mich beeindruckt immer neu, wenn ich Menschen beobachte, die im Gebet versunken sind. Da kommt mir immer wieder die Frage: Was ist das eigentlich, das Gebet? Natürlich habe ich eine Ahnung davon. Ich bete seit meiner Kinderzeit. Ich habe das Gebet sozusagen zum Beruf erwählt, denn das Gebet ist (oder sollte) die erste Aufgabe des Priesters, des Bischofs sein.
Und doch ist das Gebet etwas Geheimnisvolles. Das müssen die Apostel gespürt haben, als sie Jesus immer wieder beim Gebet beobachteten. Was geschieht da in seinem Inneren? Wer ist der, mit dem Jesus offensichtlich in einer tiefen Verbindung ist, wenn er betet? So bitten sie ihn, ehrfürchtig und fast scheu: Herr, lehre uns beten!
Jesus lehrt sie beten. Er macht das ganz schlicht und einfach. Er lehrt sie ein Gebet und eine Haltung. Er sagt ihnen, was sie beten sollen und wie, mit welchen Worten und mit welcher Einstellung.
Die Worte sind weltweit bekannt: Er lehrt sie das "Vater unser". Es ist das häufigste Gebet der Christen, das allen Konfessionen gemeinsam ist, bis heute. Der Evangelist Lukas gibt die kürzere Form dieses Gebetes wieder. Wir beten die längere, die Matthäus in der Bergpredigt überliefert hat.
Das "Vater unser" enthält alles Wesentliche, um was wir beten sollen, und auch die richtige Reihenfolge. Ich darf - als Sommerlektüre - das Buch von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI empfehlen: "Jesus von Nazareth". Dort bietet Papst Benedikt einen Kommentar des
"Vater-unser"-Gebetes, der hilft, die so vertrauten Worte tiefer zu erfassen und frisch zu beten.
Jesus lehrt aber auch, wie wir beten sollen. Das Gleichnis, das er dazu erzählt, ist provokant: Lästig sollt ihr Gott sein, so unverschämt wie dieser Freund im Gleichnis, der mitten in der Nacht seinen befreundeten Nachbarn aufweckt, um sich bei ihm Brot für einen unerwarteten Gast auszuborgen. So zudringlich wie dieser Freund sollen wir bei Gott anklopfen.
"Klopft an, dann wird euch geöffnet", verspricht Jesus. Hält er sein Versprechen? Wie viele inständige Kinderbitten, die Mutter möge doch nicht an Krebs sterben! "Wer bittet, der empfängt." Stimmt das?
Eines ist sicher: Immer öffnet das Gebet eine Türe, vor allem die des eigenen Herzens! Und noch eines ist sicher: Kein Gebet "verpufft" ins Leere. Auch dann, wenn es scheinbar nicht erhört wird. An einem Wallfahrtsort steht ein Taferl: "Danke, dass du mich nicht erhört hast!" Manchmal wissen wir nicht, um was wir bitten. Gott weiß besser, was wir brauchen.
Und doch: Selbst große Heilige, wie die mir so liebe Thérèse von Lisieux, wurden von Zweifeln geplagt: Hat das Gebet überhaupt einen Sinn? Ist es nicht eine bloße Selbsttäuschung? Darauf gibt es nur eine Antwort: Versuch es! Tu es! Schwimmen lernt man nur im Wasser. Beten nur durchs Beten. Es ist wunderbar!