Ist die Frage, die einer einmal Jesus gestellt hat, noch ein Thema: "Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?" Ob dieses Leben glückt, ob wir hier möglichst alles haben und erreichen, das scheint heute die Leitfrage zu sein. Was danach kommt, beschäftigt wenig. Ob wir das ewige Heil gewinnen oder verlieren, ist in unserer Zeit kaum die erste Sorge.
Sie bewegte aber die Juden zur Zeit Jesu. Ein reicher junger Mann etwa fragte Jesus: "Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?" Noch Martin Luther trieb die Sorge: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Immer geht es dabei um das ewige Heil, den Himmel.
Täusche ich mich, wenn ich den Eindruck habe, dass diese Frage heute viel weniger bewegt als zur Zeit Jesu oder noch bis in die Neuzeit? Irgendwie herrscht eine Art "Heilsoptimismus" vor: Es wird schon gut ausgehen. Der Himmel ist mir eh sicher - wenn ich überhaupt daran denke. Gibt also das Evangelium Antworten auf Fragen, die sich heute kaum jemand stellt? Ist es deshalb überholt?
Ich glaube, es ist umgekehrt: Das Evangelium antwortet tatsächlich auf Fragen, die viele sich nicht (mehr) stellen. Aber das ist nicht ein Beweis dafür, dass es überholt ist. Denn es könnte ja sein, dass es ein Fehler, ein schlimmes Versäumnis ist, wenn Menschen sich gewisse Fragen nicht (mehr) stellen. Jesus will uns aus dem Schlaf der falschen Sicherheit wecken.
"Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!" Heißt das nicht für uns: Täusche dich nicht! Es ist keine breite Straße, die ins Ewige Leben führt, sondern ein enges Schlupfloch. Es passt ganz gut auf unsere Zeit, wenn Jesus warnt vor zu großer Selbstsicherheit. Glaubt nicht, dass es schon genügt, zu sagen: Ich war doch ein guter Christ, ein anständiger Mensch! Mir steht jetzt der Himmel zu! Ich habe meine Eintrittskarte längst verdient! Niemand von uns, auch kein Bischof, kann sagen: Ich habe ein Anrecht auf den Himmel. Jeder muss durch die schmale Pforte.
Wie komme ich in den Himmel? Die enge Tür zum ewigen Glück steht nicht am Ende meines Lebens, wenn schon mein Lebenslicht fast erloschen ist, wenn ich nur mehr ein armes Häuflein Elend bin. Sie steht mitten in meinem Leben. Nicht irgendwann einmal muss ich mich durch sie hindurch wuzeln. Heute steht sie da. Heute kann ich versuchen, auf bequemem Weg daran vorbeizukommen - und unglücklich zu werden. Oder ich versuche jetzt und heute "mit allen Kräften" durch sie zu gelangen - ins Glück.
Die enge Tür heißt Liebe. Die breite Strasse heißt Egoismus. Die Liebe kostet Anstrengung und führt ins Glück. Der Egoismus lässt sich gehen und macht am Schluss das Leben zur Hölle. Vor dieser Wahl stehe ich jeden Tag. Frage nicht, ob einmal viele oder wenige in den Himmel kommen. Fange heute an, den Himmel ein wenig der Erde näher zu bringen. Am Anfang ist die Tür der Liebe zum Nächsten und zu Gott eng und mühsam. Je mehr wir durch sie gehen, desto leichter und freundlicher wird es. Schau nur, die enge Türe schon heute zu öffnen!