Die Begegnung Jesu mit der Frau am Jakosbrunnen in Samarien gehört für mich zu den bewegendsten Szenen im Evangelium. Es ist die Mittagszeit, die heißeste Stunde des Tages. Jesus ist erschöpft vom Fußmarsch und setzt sich an den Brunnenrand. Er ist alleine. Da kommt eine Frau, alleine, um Wasser zu schöpfen. Niemand geht um diese Tageszeit zum Brunnen. Am Morgen und am Abend, vor oder nach der Tageshitze, drängen sich die Frauen des Ortes, um in ihren Tonkrügen Wasser zu holen. Diese Frau weiß, warum sie die anderen Frauen meidet. Alle wissen um ihren Lebenswandel und tratschen natürlich darüber. Sie schämt sich, fühlt sich verurteilt, verachtet, ausgeschlossen, und deshalb schließt sie sich selber vorsichtshalber aus.
Da begegnet sie diesem Mann, der alleine am Brunnen sitzt. Sie wundert sich, dass er, ein Mann, ein Jude, sie, eine Frau, eine Samariterin, anspricht, gegen alle Gepflogenheit: "Gib mir zu trinken!" Er spricht sie nicht nur an, er bittet sie um Hilfe, um einen Dienst. All das berührt ihr wundes Herz. Keine Verachtung, keine Ablehnung ist in seinem Verhalten ihr gegenüber zu spüren. Er spricht zu ihr von einem anderen Wasser, von einem Durst, den kein Brunnenwasser stillen kann. Sie missversteht ihn anfangs. Gerne hätte sie eine Wasserquelle, die ihr die Mühe des Wasserholens ersparen würde. Wir machen uns ja kaum eine Vorstellung, wie mühevoll der Alltag von Millionen von Menschen ist, die oft weite Wege haben um zu einer Wasserquelle zu kommen und dann mit einem Krug Wasser wieder zurück gehen. Es tut uns gut, gelegentlich an diese Menschen zu denken, wenn wir einfach den Wasserhahn aufdrehen.
Unvermittelt sagt Jesus zur Samariterin: "Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her!" Die Antwort dieser Frau erschüttert mich: "Ich habe keinen Mann." Lügt sie? Sie hat doch, wie Jesus ihr auf den Kopf zu sagt, schon fünf Männer gehabt und lebt jetzt mit einem, der nicht ihr Mann ist. Warum sagt sie: "Ich habe keinen Mann"? Weil sie bei keinem ihr Glück gefunden hat? Weil keiner sie wirklich als Frau ernstgenommen hat? Weil sie von keinem echt geliebt worden ist? Ich höre in ihrer Antwort an Jesus eine tiefe Einsamkeit. Sie hat viele Männer gehabt, aber keinen Mann. Viele Beziehungen, aber keine Liebe. Jesus sagt ihr, wie es um sie steht. Aber ohne sie zu verurteilen. Sie muss sich von ihm angenommen gefühlt haben, anders als von ihren vielen Männern. Und so läuft sie in den Ort und ruft die Leute zusammen: "Da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe." Die Leute im Ort haben das auch getan, aber voll Verachtung, als Tratsch und Gerede. Jesus hat es ihr so gesagt, dass sie sich nicht verachtet fühlte. Und das hat sie frei gemacht. Und so führt sie den ganzen Ort zu Jesus. Sie hat den Mann gefunden, der sie nicht gebraucht, nicht missbraucht, nicht verurteilt, obwohl er weiß, wie missglückt ihr Leben war. Sie hat Jesus gefunden. Er hat ihre Sehnsucht nach Liebe verstanden. Er hat ihr das Wasser des Lebens geschenkt.