Ich habe niemanden umgebracht. Ich habe nicht gestohlen. Ich bin ein guter Mensch. Das kann man manchmal hören, sogar in der Beichte. Es stimmt schon: gut, wenn es so ist. Aber genügt es schon, keine schwereren Vergehen begangen zu haben, um sich selber als guter Mensch zu bezeichnen?
Jesus hat immer wieder Menschen gelobt, die die Zehn Gebote gehalten haben. Aber er hat auch gezeigt, dass das zwar gut, aber nicht genug ist. Im heutigen Evangelium geht es um dieses "Mehr". Jesus weist dazu den Weg: die acht (oder neun) "Seligpreisungen".
Doch zuerst zu den Zehn Geboten, dem "Dekalog". Er ist unbedingt notwendig, wenn das Zusammenleben gelingen soll. Wären Stehlen, Morden, Lügen, Ehebrechen das Normale, dann wäre das Leben auf Erden die Hölle. Wir brauchen diese Warntafeln des "Du sollst nicht …".
Hinter jedem dieser Verbote steht freilich nicht nur ein Nein, sondern vor allem ein lebensförderndes "Ja". Papst Benedikt hat das am 8. September letzten Jahres sehr schön in Mariazell zusammengefasst: "Der Dekalog (d.h. die Zehn Gebote) ist zunächst ein Ja zu Gott, zu einem Gott, der uns liebt und uns führt, der uns trägt und uns doch unsere Freiheit lässt, ja, sie erst zur Freiheit macht (die ersten drei Gebote). Er ist ein Ja zur Familie (4. Gebot), ein Ja zum Leben (5. Gebot), ein Ja zu verantwortungsbewusster Liebe (6. Gebot), ein Ja zur Solidarität, sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit (7. Gebot), ein Ja zur Wahrheit (8. Gebot) und ein Ja zur Achtung anderer Menschen und dessen, was ihnen gehört (9. und 10. Gebot)."
Der Papst sieht die Zehn Gebote als ein "vielfältiges Ja" und nicht einfach als eine Serie von Verboten. Und doch: die Zehn Gebote allein sind zu wenig. Sie verhindern das Unglück, sie machen noch nicht glücklich. Dazu braucht es mehr. Und dieses "Mehr" zeigt Jesus in den Seligpreisungen.
Sie zeigen ein realistisches Bild. Die Mehrheit der Menschen ist arm. Viele leiden unter Hunger und Durst, unter Gewalt und Ungerechtigkeit, haben Trauer zu tragen und sehnen sich nach Frieden. Jesus sagt ihnen nicht: Ihr habt eben Pech gehabt. Im Gegenteil: Er verspricht ihnen Freude in ihrer Drangsal. Er gibt echte Hoffnung, nicht billige Vertröstung.
Jesus hat die Seligpreisungen selber vorgelebt, und viele, viele, die Ihm nachgefolgt sind, haben erfahren, dass sie stimmen. Ein Leben mit Gott, aber in Armut, ist glücklicher als gottloser Reichtum. Wo Gott vergessen wird, nehmen Grausamkeit, Gewalt und Herzlosigkeit erschreckend überhand. Aber die Trauernden, die Mitleidenden, die vor der Not des anderen nicht die Augen verschließen, werden tiefen Trost erfahren.
Aber geht dieser Weg der Seligpreisungen nicht gegen alles, was heute "in" ist, was "happy" macht und Erfolg verspricht? So sieht es aus. So empfinden es die, die dem Zeitgeist huldigen. Der macht vielleicht Spaß. Momentan. Jesus will uns mehr schenken: den Weg zeigt Er heute.