Er war nur einer unter vielen. Tausende, Abertausende wurden im Römischen Reich gekreuzigt. Von kaum einem kennen wir den Namen. Verbrecher, Sklaven, gefangene Soldaten - und sicher auch einfach Unschuldige - wurden zu diesem schändlichsten Hinrichtungstod verurteilt. Was menschliche Grausamkeit nicht alles erfindet, um sich an den Qualen von Opfern auszutoben! Hinrichtungen waren öffentliche Schaustellungen. Angeblich sollten sie abschrecken, vor Verbrechen warnen. In Wirklichkeit war und ist es bis heute die tief im Menschen sitzende Lust am Zuschauen. Regt sich kein Mitleid mit den Opfern? Mit ihren Qualen? Spüren sie nicht den Schmerz wie wir?
Mitleid, Mitleiden: das bewegt seit 2.000 Jahren viele Menschen, wenn sie, Jahr für Jahr, die Leidensgeschichte Jesu hören. Besonders am Karfreitag. Am Tag, an dem er am Kreuz starb. Warum wird gerade sein Tod ständig in Erinnerung gehalten? So viele, die gleich Schlimmes gelitten haben, sind vergessen. Warum er nicht? Die Antwort ist klar und bündig: Weil er Gottes Sohn war! Gott selber hat das Leid auf sich genommen. Seither ist kein Menschenleid mehr allein gelitten. Für immer hat sich Gott auf die Seite derer gestellt, die wir so oft fliehen, die Seite der Leidenden. Deshalb liegt im Kreuz Jesu so viel Trost. Gott hat nicht weggeschaut von unserem Leid. Er hat es sich zu eigen gemacht.
Weil der Gekreuzigte von Golgota Gottes Sohn war, haben seine Jünger in allen Einzelheiten seines Leidens einen tiefen Sinn gefunden. Pilatus wollte Jesus freilassen, gab dann aber den Druck nach und ließ ihn schließlich kreuzigen. Aber als man ihn nötigen wollte, die Inschrift über dem Kreuz zu ändern, da weigerte er sich: "Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben". Und so stand, auf einem primitiven Holzbrett, in drei Sprachen geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.
Ist diese Kreuzesinschrift erhalten? Im Rom wird ein Holzstück mit einer gleichlautenden Inschrift verehrt. Ist es das echte Schild vom Kreuz Jesu? Neuere Forschungen machen diese Annahme wahrscheinlich. Überraschend wäre es nicht, dass die Jünger alles kostbar aufbewahrt hatten, was an Jesu Passion erinnert. Spannend ist es, dass erst die modernsten Techniken es möglich machen, solche alten Erinnerungsstücke genauer zu datieren. Beim berühmten "Grabtuch von Turin" sind sich die Wissenschaftler heute weitgehend einig, dass eigentlich fast alles für die Echtheit, genauer: dass fast nichts dagegen spricht.
Auch der Rock Jesu, das Untergewand, das ohne Naht gewoben war, um das die Soldaten würfelten, wird seit Jahrhunderten in Trier, der alten Hauptstadt des Römischen Reiches zur Zeit Kaiser Konstantins, verehrt. Ob der "Heilige Rock" echt ist, bleibt ungewiss. Auszuschließen ist es nicht. Auch er zeigt, wie sehr alle Einzelheiten am Leiden Jesu von den Gläubigen betrachtet wurden. Alles spricht von diesen Leiden, das Gott selber aus Liebe zu uns Menschen auf sich genommen hat.
Am berührendsten aber ist die Szene, die Johannes selber erlebt hat und die ihn besonders betraf. Beim Kreuz standen nicht Jesu Jünger, sie hatten sich aus Angst versteckt. Nur einige Frauen ließen Jesus in seiner Qual nicht allein, vor allem Maria seine Mutter. Und Johannes, der Lieblingsjünger. Ihm vertraute er seine Mutter an. Sie soll seinen liebsten Jünger statt seiner als Sohn annehmen.
Ich glaube, das darf so verstanden werden, dass Jesus auch uns seiner Mutter anvertraut hat. Ist es nicht so, dass Maria seither überall auf der Welt sich um uns Menschenkinder sorgt wie um ihre eigenen Kinder? Uns gilt Jesu letzte Sorge: "Siehe, deine Mutter!" Als wollte Jesus uns sagen: zu ihr könnt ihr immer kommen!