Heute, am 2. Adventsonntag, nehme ich einmal nicht das Evangelium, sondern die Lesung aus dem Alten Testament, die wunderbar trostvollen Worte des Propheten Jesaia. Während des ganzen Advent werden Stellen aus diesem Propheten gelesen. Manches Adventlied greift seine Worte auf, so etwa das bekannte „Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten, dem Gott die Verheißung gab“.
Diese erste Strophe erinnert daran, dass das „Volk des Alten Bundes“, das jüdische Volk, die Verheißung erhalten hat, es werde den Heiland, den Erlöser sehen. Der Advent ist die Zeit der Erwartung, der Hoffnung in dunkler Zeit. Von dieser Erwartung sprechen die alten Propheten. Darum haben sie ihren besonderen Platz im Advent.
Wie schade, dass wir das Alte Testament viel zu wenig kennen. Manche Vorurteile sind immer noch fest verwurzelt: Das Alte Testament sei voll Zorn und Rache, der Gott des Alten Bundes sei ein gesetzesstrenger, gar rachsüchtiger Gott, während Jesus einen liebenden und barmherzigen Vater verkündet habe. Nur wer die Bibel nicht kennt, kann so urteilen.
Natürlich stimmt es, dass im Alten Testament viel Blut vergossen wird, viel Grausames geschieht. Grund dafür ist nicht ein rächender Gott, sondern die nüchterne Schilderung der Geschichte. Gab es ein Jahrhundert mit mehr Blutvergießen als das 20. Jahrhundert? Im Vergleich zu ihm sind alle Kriege des Alten Testaments harmlos.
Nein, das Alte Testament ist eine leidenschaftliche Liebesgeschichte. Es ist die Geschichte eines Gottes, der sein Volk so sehr liebt, dass er es nicht erträgt zuzuschauen, wie es in sein Verderben läuft. Wenn Gott straft, so, um zu heilen, wenn er zornig ist, so wegen unserer Torheit, die uns und andere ins Unglück führt. In der ganzen Bibel, Altes und Neues Testament zusammen, steht Gott auf der Seite des Lebens. Er verteidigt den Menschen, sein Geschöpf, und wenn es sein muss auch mit strenger Hand, wie ein liebender Vater.
Vor allem aber ist er der Gott, der Leben und Rettung verheißt und schenkt. So begegnet er uns in den wunderbaren Worten der heutigen Lesung. Das jüdische Volk war damals auf einem seiner tiefsten Punkte in seiner langen an Leid reichen Geschichte: in der babylonischen Gefangenschaft. Das Volk war deportiert, der Heimat beraubt, viele ermordet, der Tempel zerstört, Jerusalem verwüstet.
Da spricht Gott die Worte des Trostes. Wie oft haben diese Worte Menschen in ähnlichen Situationen aufgerichtet, ihnen neue Hoffnung gegeben „in bangen Nächten“! Diese Stimme, die in der Wüste ruft, in den Wüsten unserer Tage nicht weniger als damals, kündigt an, dass endlich das Krumme gerade, das Schiefe eben werden soll. Nicht mehr die Ausbeuter werden das Sagen haben, sondern Gott selber wird der gute Hirte seines Volkes sein.
Alles nur schöne Worte? Träume, Hirngespinste? Billiger Trost ohne realen Wert? Wir kennen diesen Vorwurf! Warum aber berühren diese Worte dennoch das Herz? Weil es sich gerne täuschen lässt? Nein, weil diese Worte wirklich wahr geworden sind. Gott tröstet sein Volk. Gott sendet seinen Heiland. Jesus ist dieser Trost. Wer sich echt auf Weihnachten freut, weiß warum.