Die erste Tat Jesu, die der Evangelist Markus berichtet, ist ein “Exorzismus“, eine „Teufelsaustreibung“. In Kapharnaum, in der Synagoge, von der heute noch die Grundmauern stehen, beim Sabbatgottesdienst, ist es geschehen. Die Szene ist dramatisch. Ein Mann beginnt zu schreien. Was er sagt, ist seltsam. Er spricht in der Mehrzahl: Bist du gekommen, und ins Verderben zu stürzen?
Wer sind diese „Wir“? Jesus herrscht ihn an: Schweig still, verlass ihn! Wen spricht Jesus an? Nicht den Mann, sondern jemanden, der in ihm ist und den Jesus vertreibt, aus dem Mann austreibt. Dieser Andere lässt sich nicht so leicht verjagen. Er zerrt sein Opfer wild hin und her und verlässt es schließlich mit wildem Geschrei. Er kann der Macht Jesu nicht widerstehen, er muss weichen. Jesu Wort hat über ihn Gewalt.
Alle in der Synagoge sind erschrocken. Was sie erlebt haben, deuten sie: Jesus hat einen unreinen Geist ausgetrieben, er hat einen vom Dämon besessenen Mann befreit. War also Jesus ein Exorzist? Und gleich folgt die weitere Frage: Gibt es überhaupt „unreine Geister“, Dämonen? Gibt es den Teufel? Oder müsste nicht längst vom Teufel Abschied genommen werden? Manche Zeitgenossen meinen das. Die Zeitgenossen Jesu glaubten an Dämonen und ihr Wirken. Und sie erlebten Jesus als einen, der mit besonderer Vollmacht Dämonen austreiben kann.
Waren das „primitive Vorstellungen“ einer Zeit, die noch nicht die wissenschaftlichen Kenntnisse unserer Zeit hatte? So billig können wir nicht die vielen Berichte über Jesus als Exorzist abtun. Die Evangelien unterscheiden wohl zwischen Krankheit und dämonischer Besessenheit. Jesus hat oft Kranke geheilt. Das wird immer klar vom Austreiben von Dämonen unterschieden.
Den Teufel gibt es. Die „unreinen Geister“ gibt es. Und es gibt „Besessenheit“. Nicht immer so dramatisch wie im heutigen Evangelium. Aber als Mächte, die den Menschen versklaven, unfrei und gefangen machen, gibt es sie. Wer heute leugnet, dass es diese Mächte des Bösen gibt, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Die Gräuel des 20. Jahrhunderts, der Völkermorde und der Weltkriege sprechen eine überdeutliche Sprache.
Jesus hat seinen Auftrag darin gesehen, den Menschen aus den Fesseln des Bösen zu befreien. Er hat uns gelehrt, darum zu beten: „… und erlöse uns von dem Bösen“. Mit dieser Bitte des Vater-Unser ist beides gemeint, das Böse und der Böse. Wir sollen darum beten, dass wir nicht der Macht des Bösen erliegen. Sie macht nur unfrei und unglücklich.
Wie aber loskommen von den Fesseln des Bösen? In ganz seltenen Fällen wird auch heute der „Exorzismus“ angewandt, wenn es sich zeigt, dass sich ein Mensch wirklich in einer Art Besessenheit befindet. Jesus hat seinen Aposteln dazu die Vollmacht gegeben. Meist aber spielt sich der Kampf gegen das Böse und den Bösen sehr viel schlichter ab. Wir widerstehen dem Bösen durch das Gute. Wir bekämpfen es, indem wir nicht Böses mit Bösem vergelten. Wir stellen dem Hass die Macht der Vergebung entgegen.
Jesus hat uns vom Bösen nicht durch Waffen, nicht durch magischen Zauber befreit, sondern allein durch die Liebe bis zum Tod am Kreuz. Was anderes soll es schaffen, mit dem Bösen fertigzuwerden als allein die Liebe?