Er trug sein Kreuz selber, keiner hat ihn gezwungen, keiner es ihm aufgenötigt. Jesus nahm es freiwillig auf sich. Er hätte ohne weiteres ausweichen können. Er hätte nur an diesem gefährlichen Osterfest des Jahres 30 nicht nach Jerusalem hinaufgehen müssen. Seine Freunde rieten ihm energisch ab, sich in die voraussehbare Gefahr zu begeben. Er selber war zeitweise ins sichere Land jenseits des Jordans (heute Jordanien) ausgewichen. Denn das war klar: Man wollte ihn umbringen. Zu lange schon war er den Verantwortlichen ein Dorn im Auge. Sie konnten nicht bestreiten, dass er unglaubliche Heilungen vollbrachte, zuletzt sogar hatte er einen Toten aus dem Grab auferweckt, der schon vier Tage lang tot war: Lazarus, in Bethanien, einem Vorort von Jerusalem. Jetzt war’s ihnen genug. Noch so ein Wunder, und alle laufen zu ihm über, und dann gibt’s Krach mit den Römern. Also beschlossen sie: Er muss weg! Und da er nicht selber wegging, musste er umgebracht werden.
Jesus war sich sicher: Er muss diesen Weg gehen. Er muss sein Leben einsetzen. So will es Gott. So muss es sein. In den Stunden vor seiner Gefangennahme kam es noch einmal zu einem dramatischen Ringen: Will das Gott wirklich? Todesangst befiel Jesus. Muss es sein? Alles bäumt sich dagegen auf: Lebenswillen, Sterbensangst, und die schreckliche Frage: Was und wem nützt das alles?
Dann aber ist der innere Kampf durchgestanden: Vater, dein Wille, nicht der meine soll geschehen. Von da an geht er Schritt für Schritt den vorgezeichneten Weg: Gefangennahme, Verhöre, Verhöhnung, Verurteilung zum schändlichsten Tod, den die Antike kannte: zur Kreuzigung. Er selber trägt den Balken, an den sie ihn nageln werden. Und dabei hat er noch die Kraft, an seine Mutter und ihre Zukunft zu denken, und an den Jünger, der ihm besonders nahestand: Beide sollen füreinander sorgen.
Er selber trug das Kreuz! Und seinem Beispiel folgend haben viele, zahllose Menschen seither Ja gesagt zu ihrem Kreuz. Warum immer das Kreuz? Was ist das für ein Gott, der seinem Sohn das Kreuz zumutet, und uns, wenn wir ihm nachfolgen wollen?
Wieder einmal schlug die Erde zu, das Erdbeben in Italien hat Hunderten das Leben gekostet, Tausende obdachlos gemacht. Und wieder fragen Menschen: Warum? Lässt Gott das Leid zu? Sieht er zu? Wendet er es nicht ab? Oder ist es einfach „blindes Schicksal“, das wahllos trifft?
Der Karfreitag ist Gottes Antwort auf die ewige Menschenfrage: Warum das Leid? Heute heißt es in der großen Lesung aus dem Alten Testament, die in der Karfreitags-Liturgie zu hören ist: „Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen … Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Solange wir in diesem sterblichen Leib leben, werden Leid und Krankheit uns begleiten. Aber Christus hat nicht nur seinen Kreuzbalken freiwillig getragen, sondern auch gleich unsere ganze Not dazu: „Der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.“ Mehr noch als alles Leid, auch alle unsere Sünden hat er getragen. Freiwillig, um uns von ihnen zu entlasten. Der Ostermorgen wird zeigen: Leid, Sünde und Tod waren nicht stärker als die Liebe. Er hat sie „weggeliebt“.