„Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde!“ Mit diesen Worten beginne ich jeden Tag das Morgengebet der Kirche. Ich weiß mich dann verbunden mit den vielen Menschen, die überall auf Erden dieses Morgengebet sprechen.
In allen Klöstern wird es gebetet, die Priester, aber auch viele Laien beten es: das sogenannte „Stundengebet“ der Kirche, das dem Tag seinen Rhythmus geben soll, die Rast des Innehaltens in der Hektik des Alltags.
Viele bei uns wissen inzwischen Bescheid über die Gebetszeiten der Muslime, sie erleben, wie unsere muslimischen Mitbürger zum Teil sehr treu die ihnen vorgeschriebenen Zeiten des Gebets einhalten. Ist bei uns bekannt, wie viele Christen täglich ihre Gebetszeiten treu einhalten? Meist ganz persönlich: ein Morgengebet, ein Abendgebet, das Tischgebet. Immer mehr Menschen beten aber auch das offizielle „Stundengebet“ der Kirche mit, sie benutzen das sogenannte „Brevier“, das kirchliche Gebetbuch, in dem die Texte für die Gebetszeiten zu finden sind.
Warum ich das erwähne? Weil das heutige Evangelium mich daran erinnert. Wir sind oft taub gegenüber dem, was Gott uns sagen will, und stumm, weil wir nicht mit Gott sprechen können. Wir sind vor Gott oft wie der Taubstumme, den liebevolle, besorgte Menschen zu Jesus brachten und für den sie Jesus baten, er möge ihn berühren.
Ist das nicht eine Bitte, die uns gelegentlich ins Herz kommt? Dass wir Gott bitten, Er möge jemanden berühren, der in sich verschlossen ist, wie unerreichbar, wie taubstumm. „Jesus, berühre sein Herz! Mach ihn offen, hilf ihm, aus sich herauszugehen! Durchbrich seine Taubheit, öffne seine Stummheit!“
Und Jesus geht auf diese Bitte ein. Er lässt sich auf diesen armen, in sich verschlossenen Menschen ein. Er tut es liebevoll und behutsam. Er nimmt ihn „beiseite, von der Menge weg“. Die Begegnung mit Jesus, die Berührung durch Gott braucht Ruhe, Stille, sie geschieht leichter „abseits von der Menge“. Das kennen viele aus Erfahrung. In der Stille einer Kirche, in der Abgeschiedenheit der Bergwelt, des Waldes, der Wüste kann Gott deutlicher zu uns sprechen als im Lärm des Alltages. Lassen wir uns auf mehr Stille ein!
Jesus tut noch mehr. Er berührt körperlich, direkt, ohne „Berührungsängste“. Jesus legt dem Taubstummen „die Finger in die Ohren und berührt dann die Zunge des Mannes mit Speichel“. Nicht von oben herab, sondern „auf Augenhöhe“. Jesus berührt durch seine wirkliche Nähe. Er leidet mit dem Leidbeladenen. Sein Seufzen zeigt seine Anteilnahme. Sein Aufblicken zum Himmel ist wie eine flehentliche Bitte an Gott seinen Vater, sich der vielen Menschennot zu erbarmen.
Das Evangelium ist nie nur eine Geschichte aus ferner Vergangenheit. Auch wenn es Ereignisse berichtet, die sich „in jener Zeit“ zutrugen, so sagt es immer auch etwas aus, was heute geschieht. So erlebe ich es jeden Tag, wenn ich als erstes früh am Morgen Gott bitte, er möge mich öffnen – für Ihn und Sein Wort, und für meinen Nächsten!