Wie viele Mütter beten für ihre Kinder! Niemand muss es ihnen befehlen. Sie tun es aus Sorge um ihre Kinder, aus Liebe zu ihnen. Denn jede Mutter wünscht sich, dass es ihren Kindern gut geht. Jede Mutter macht sich Sorgen, wenn es ihnen schlecht geht. Wenn es einer Mutter gleichgültig ist, was aus ihren Kindern wird, empfinden wir das als nicht in Ordnung.
Nun können Eltern viel für ihre Kinder tun, aber nicht alles. Es bleibt so vieles, worüber sie nicht verfügen, was sie nicht bestimmen können. Da bleibt nur das Gebet: Gott bitten, er möge die Kinder beschützen, sie vor Unglück und Unheil bewahren. Beten heißt ja, sich und die Sorgen Gott anvertrauen, im Vertrauen, dass Er es gut fügen kann.
Jesus tut, was eine Mutter, was Eltern für ihre Kinder tun: er betet für seine Jünger, er betet für uns. Jesus weiß, dass er nicht mehr lange auf dieser Welt sein wird. Sein Ende ist nahe. Er wird sich nicht mehr direkt um seine „Kinder“ kümmern können. Er empfiehlt sie Gottes Obhut. Er betet für sie. Er betet nicht nur für sie, die mit ihm gegangen sind, sondern auch für seine „Kindeskinder“. Er bittet auch für alle, die durch sie zu Jüngern Jesu werden.
„Ich bitte für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden“. Mich bewegt dieses Wort: Dann hat doch Jesus auch für mich gebetet! Ja, auch für mich! Nicht irgendwie anonym, wie ich zum Beispiel für „die Kranken“ oder „die Flüchtlinge“ im allgemeinen bete, ohne sie im einzelnen zu kennen. Ich glaube, dass Jesus wirklich auch für mich gebetet hat, wie ich auch glaube, dass er für mich gelitten hat und für mich gestorben ist.
Aber ist das möglich? Ich kann nur für wenige Menschen wirklich persönlich beten, weil ich nicht Tausende im Gedächtnis gegenwärtig haben kann. Anders Jesus: Er ist ja der menschgewordene Gott. In seinem göttlichen Wissen kennt er jeden von uns. Und so glaube ich, dass er auch in seinem menschlichen Herzen jeden von uns persönlich gegenwärtig hat. Ich bin für ihn keine Nummer. Ich kann mit dem Apostel Paulus sagen: „Er, Christus, hat mich geliebt und sich für mich hingegeben“.
Was hat Jesus in dieser Stunde des Abschieds für uns vom Vater erbeten? Seine größte Sorge: dass sie, seine „Kinder“ und „Kindeskinder“, alle eins seien. Schrecklich für Eltern, wenn sie in der Sterbestunde zerstrittene Kinder zurücklassen müssen. Für Jesus ist es der große Kummer: die Uneinigkeit seiner Jünger, die Spaltungen unter den Christen.
Jesus will, dass die Welt seiner Botschaft glaubt. Zerstrittene Christen machen sie unglaubwürdig. Nun wissen wir alle, wenn wir ehrlich sind: diese echte, tiefe, gelebte Einheit ist schwer zu erreichen. Das weiß jede Familie, jeder Verein, jeder Betrieb. Das wissen wir aus der Politik ebenso wie aus dem persönlichen Leben.
Jesus bittet daher Gott Vater um die Einheit, die er mit Ihm lebt: „Alle sollen eins sein: wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin“. Es gibt nur ein „Geheimrezept“, wie diese Einheit gelingt. Es heißt Liebe. Und zwar die, die mehr den Nutzen des anderen sucht als den eigenen. Die sich freut am Wohl des anderen. Ist es nicht das, was eine Mutter tut, wenn sie für ihre Kinder betet?