Reichtum ist nicht etwas Böses. Aber dem, der den Reichtum hat, kann er gefährlich werden. Davor hat Jesus oft gewarnt, vielleicht am schärfsten im heutigen Gleichnis vom armen Lazarus und vom reichen Prasser. Diesem geht es gut, jenem schlecht. Der Reiche kleidet sich in feinste, teure Gewänder, der Arme ist in Lumpen. Der Tisch des Reichen ist köstlich gedeckt, der arme Lazarus hätte gern mit den Abfällen vom Tisch des Reichen seinen Hunger gestillt.
Nach dem Tod ist es genau umgekehrt: Der Arme ist selig im Himmel, der Reiche leidet Höllenqualen. Jesus warnt: Der Reiche hat zu Lebzeiten schon alles an Gütern gehabt, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er getröstet, der Reiche aber leidet große Qual.
Ist das primitives Rachedenken? Billiger Trost für die Armen? Vertröstung auf ein besseres Jenseits nach der Not im Diesseits? Genau das Gegenteil: Es ist die dringende Aufforderung an den Reichen, seine Chance jetzt zu ergreifen. Sie ist ganz nahe, sie liegt vor seiner Tür. Er muss nur hinschauen. Er braucht nur das Naheliegende zu tun: von seinem vollen Tisch dem hungrigen Lazarus zu essen zu geben.
Doch genau da liegt die Gefahr des Reichtums. Er macht so leicht den, der ihn hat, zu seinem Gefangenen. Reichtum blendet. Er macht blind für die Not. Der Reiche glaubt, sich alles leisten zu können. Der Wohlstand macht ihn überheblich. Und so übersieht er den Armen, der vor seiner Türe liegt. Zuerst stört ihn der Anblick dieses Elends. Anfangs erinnert ihn der arme Lazarus noch daran, dass er selber einmal arm und notleidend werden könnte. Doch dann gewöhnt er sich an diesen Anblick, denkt sich: So ist eben das Leben! Und schließlich vergisst er, dass Lazarus hungernd vor seiner Türe liegt. Er lässt sich von allem, was sein Reichtum ihm bietet, ablenken. Er eilt von Vergnügen zu Vergnügen. Leid muss verdrängt werden. Sein Herz wird hart und blind, geblendet von sich und seinem Wohlergehen.
Was macht ihn schließlich zur Beute der Hölle? Nicht das Böse, das er getan hätte, sondern das Gute, das er nicht getan hat. Das Gute nicht zu tun gibt dem Bösen Raum. Deshalb warnt Jesus so energisch vor der Gefahr des Reichtums. Er tröstet den Armen, dem in dieser Welt so viel Elend widerfahren ist. Und er droht dem Reichen, der in diesem Leben schon alles gehabt hat.
Wer ist dieser reiche Prasser? Meint Jesus nur die „Superreichen“? Ich glaube, er meint jeden von uns. Denn alle haben wir unseren Lazarus vor der Türe. Das müssen nicht materiell Arme sein. Das kann auch jemand sein, der materiell das Nötigste hat, dem es aber an Zuwendung fehlt. Wer ist in meinem Leben so ein Lazarus, den ich einfach übersehe, der hungert und friert, weil es an Liebe fehlt?
Um den Lazarus vor meiner Türe zu sehen, brauche ich keinen, der aus dem Jenseits mich zu warnen käme. Ich muss nur die Augen öffnen, das Herz am rechten Fleck haben. Daran entscheidet sich freilich Himmel oder Hölle.