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Kein Stein bleibt auf dem anderen

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium 33. Sonntag im Jahreskreis, 14. November 2010 (Lk 21,5-19)

14.11.2010
© archiv

Dieses Wort Jesu ist zum Sprichwort geworden. Es bezeichnet eine totale Veränderung, eine radikale Wandlung aller Dinge. Jesus kündigt einen sozialen Umbruch an, keinen friedlichen, in dem sich die Dinge allmählich entwickeln, sondern einen völligen Umsturz der Verhältnisse.

 

Ist Jesus ein Unglücksprophet? Ein Pessimist? Ein Schwarzmaler? „Es wird eine Zeit kommen,“ sagt er, „da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem anderen bleiben; alles wird niedergerissen werden.“

 

Verständlich, dass die Leute ihn fragen: „Wann wird das geschehen, und an welchen Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt?“ Zweitausend Jahre sind vergangen, seit Jesus das angekündigt hat. Was wurde aus seinen Vorhersagen? Die Welt dreht sich weiter. Hat er sich getäuscht? Oder gibt es immer wieder Zeiten der Krisen und Katastrophen, der Umbrüche und Abbrüche? Und leben wir in einer solchen Epoche?

 

Ich glaube, Jesus will uns für schwere Zeiten vorbereiten, ausrüsten, damit wir nicht die Hoffnung verlieren. Und solche Zeiten können für Einzelne kommen, wenn die Lebenskrise ausbricht, oder über Familien, Gruppen, Gemeinschaften, wenn Alles drunter- und drüber geht. Es kann ganze Länder, Völker, Kontinente betreffen, wenn Kriege und Katastrophen sie heimsuchen. Und es kann unseren ganzen Globus treffen – siehe Klima oder globale Wirtschaftskrise. Kurzum: kein Mensch ist in diesem Leben vor solchen Zeiten sicher. Viele von uns haben das Empfinden, dass wir in eine Periode von Krisen und Nöten geraten. Gebe es Gott, dass es nicht so sei. Möglich ist es allemal, und leider nicht unwahrscheinlich.

 

Jesus gibt einige Regeln und Hinweise, wie wir schwere Zeiten bestehen können. Erste Regel: „Lasst euch nicht irreführen!“ Zwei Formen der Irreführung bedrohen uns. Die einen sagen: Alles halb so schlimm! Es geht schon wieder aufwärts! Die Krise ist überstanden!“ „Lauft ihnen nicht nach!“ warnt Jesus. Sie sagen nur die halbe Wahrheit. Die Lage ist viel ernster als sie zugeben. Die Anderen sehen nur Katastrophen und Niedergang. Sie übersehen, dass immer auch das Gute wächst, dass es neben Abbrüchen auch Aufbrüche gibt, neben dem, was wirklich untergeht auch vieles, das hoffnungsvoll neu entsteht.

 

Zweite Regel: „Lasst euch nicht erschrecken!“ Nur wer in falschen Sicherheiten lebt, wird von Krisen umgeworfen. Die Bibel warnt oft davor, sich in Sicherheit zu wiegen. Die Lebenserfahrung bestätigt das. Alles kann sich ändern, blitzschnell, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich eine Krebserkrankung, ein Unfall, ein 11. September: Alles sieht mit einem Mal anders aus. Niemand ist vor solchem Umsturz sicher. Deshalb müssen wir noch nicht in Dauerangst leben. Aber es ist gut, für jeden guten Tag dankbar zu sein und zu wissen: es ist nicht selbstverständlich!

 

Dritte Regel: Verfolgung, Ablehnung, Kritik gehören zum christlichen Leben. Wundert euch nicht, sagt Jesus, dass ihr als meine Jünger nicht nur Applaus erntet. Heute ist weltweit das Christentum die am meisten verfolgte Religion. Besonders tragisch in einigen mehrheitlich islamischen Ländern. Was rät Jesus? Standhaft bleiben! Nicht mit Hass auf Hass antworten! Und auf Jesus vertrauen, der durch alle Krisen und Katastrophen treu bleibt. Wann wird das alles geschehen? Es geschieht täglich, heute, jetzt!

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