Das heutige Evangelium spricht eine soziale Situation an, die heute noch in vielen Teilen der Welt Alltag ist: das Leben der „Taglöhner“: Menschen, die kleine fixe Arbeit haben. Sie stehen am Marktplatz und warten, ob jemand sie für den Tag engagiert. Werden sie angeworben, dann haben sie Glück gehabt - für einen Tag! Was wird morgen sein? Werden die Kinder etwas zu essen haben? Wird der Vater einen (kärglichen) Tageslohn heimbringen?
Im Gleichnis Jesu haben einige Glück gehabt: sie wurden schon in der Früh für Weinbergsarbeit angeheuert. Ein Tageslohn wird vereinbart: ein Denar. Das reicht gerade für das Nötigste, für einen Tag. Reich wird er damit nicht.
Dramatischer ist die Situation der anderen. Sie finden zwar auch Arbeit, aber spät und daher nur mit ganz geringen Lohnaussichten. Einige bekommen Arbeit ab neun Uhr vormittags („dritte Stunde“), andere zu Mittag („sechste Stunde“), einige um drei Uhr nachmittags („neunte Stunde“). Jetzt lohnt es sich kaum mehr, denn was sie noch verdienen können, ist höchstens ein Hungerlohn. Aber besser als gar nichts.
Herumstehen und warten, frustriert und enttäuscht, und mit leerem Magen. So ist die Situation derer, die der Weinbergsbesitzer um fünf Uhr nachmittags („elfte Stunde“) am Marktplatz vorfindet. Sie wissen: heute gehen wir leer aus. Heute heißt es Hungerleiden. Der Gutsherr aber ist so „verrückt“, ihnen dennoch Arbeit zu geben: für eine Stunde!
Umso größer die Überraschung, als sie bei der Auszahlung des Tageslohnes als Erste drankommen und einen vollen Tageslohn erhalten. In einer Welt ohne Sozialversicherung, ohne Arbeitslosengeld, ohne Pensions- und Krankenversorge ist das ein kleines Wunder, über das sich alle nur freuen können. Auch der Letzte hat bekommen, was er dringend zum Leben braucht, er und seine Familie.
Warum erzählt Jesus dieses Gleichnis, das erschütternd die soziale Wirklichkeit seiner Zeit widerspiegelt? Ich denke, Jesus will zwei Dinge deutlich machen. Da ist zuerst die „Neidgenossenschaft“. Die Arbeiter, die den ganzen Tag in der Hitze gearbeitet haben, finden es ungerecht, dass die so spät Angeworbenen den gleichen Lohn bekommen. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ - so fordern sie.
Neid ist eines der am weitesten verbreiteten Laster unserer Gesellschaft. Wir müssen klar unterscheiden: Kampf gegen Ungerechtigkeit ist nicht Neid. Wenn Frauen schlechter entlohnt werden als Männer, so ist das eine Ungerechtigkeit, die zu Recht zu bekämpfen ist. In der Geschichte, die Jesus erzählt, geschieht den Arbeitern der ersten Stunde kein Unrecht. Sie erhalten den vereinbarten Tageslohn. Ihr Protest entspringt dem Neid. Und der ist ein böses Gift: “Bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ - fragt der Gutsherr, der nicht will, dass die Spätgekommenen hungrig weggehen müssen.
Gottes Güte ist das eigentliche Thema der Erzählung Jesu. Stört uns Seine Güte? Sind wir neidisch, wenn Er Seine Gaben frei verschenkt? Lass den Neid! Freue dich an Gottes guten Gaben, die er anderen schenkt!