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Wehe den Selbstgerechten!

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium für den 26. Sonntag im Jahreskreis, 25. September 2011 (Mt 21,28-32)

25.09.2011
© archiv

Das ist Provokation. „Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr!“ Jesus scheint die „Anständigen“ zu beschimpfen und die „Anstößigen“ zu loben. Die Prostituierten und die Halsabschneider werden als Vorbild hingestellt, die Frommen aber hintangestellt. Das ist ja eine Umkehr  aller guten Ordnungen. Jesus hatte /und hat) eine besondere Liebe zu den Sündern und konnte sehr scharf sein gegen die Gerechten, genauer: gegen die, die sich dafür hielten, die Selbstgerechten.

 

So tun als ob … Reden statt Tun: das ist es, was Jesus kritisiert. Und damit ist er nicht allein. Nichts stört so sehr an den „Frommen“ als das „so tun als ob …“ Scheinheilig ist eben nur der Schein von Heiligkeit, also deren genaues Gegenteil, und das stößt besonders ab.

 

Das Gleichnis Jesu ist denkbar einfach. Der Sohn, der Ja sagt – und dann doch nicht tut, was der Vater ihm aufträgt, ist abstoßend. Er erweckt den Eindruck eines eifrigen, guten Sohnes. Der zweite Sohn ist „aufmüpfig“ . Grantig und wiederborstig sagt er: „Ich will nicht!“ Er ist zum eigenen Vater unfreundlich, unhöflich, sein Verhalten ist einfach ärgerlich. Aber dann reut es ihn – und er geht doch in den Weinberg, die Arbeit zu tun, um die der Vater ihn gebeten hat.

 

Vom ersten Sohn wird nicht gesagt, er habe es irgendwie bereut, dass er nur ja gesagt hat, ohne es dann auszuführen. Genau da ist der „Knackpunkt“: dass er sein Verhalten nicht einmal bereut hat! Darauf aber kommt es an. „Ich habe nichts zu bereuen“ – das ist  die Haltung, die Jesus so kritisiert. Die Prostituierten und die Zöllner, die verhassten Steuereintreiber, wissen, dass ihr Leben nicht in Ordnung ist. Sie können gar nicht so tun, als wären sie besonders gut. Deshalb sind sie auch für die Botschaft Jesu besonders empfänglich.

 

Wer glaubt, dass bei ihm selber eh alles in Ordnung ist, der wird leicht auf die anderen herabschauen, bei denen offenkundig nicht alles in Ordnung ist. Der Apostel Paulus gibt in der Lesung, die heute im Gottesdienst vorgetragen wird, eine ganz einfache Regel in zwei Teilen: „In Demut achte einer den anderen höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auf das der anderen.“

 

Nun, es fällt mir nicht schwer, jemanden Großartigen höher zu achten als mich selber. Aber eine Person mit üblem Ruf, mit offensichtlich schlechtem, sündigem Lebenswandel? Übertreibt da Paulus nicht ein wenig, wie Jesus selber? Jesus wollte uns sicher nicht zur Sünde anleiten. Er hat nie gesagt, dass Prostitution etwas Gutes sei. Aber er hat immer Freude geäußert, wenn jemand echte Reue gezeigt hat. In den Himmel kommen wir nur durch das Tor der Reue: „Herr, sei mir armen Sünder gnädig!“

 

Die Sünde der Selbstgerechten besteht darin, dass sie sich für besser halten als die anderen. Hierin verstoßen sie gegen den zweiten Teil der Regel des Paulus: sie achten nur auf sich selber und verachten die anderen, statt ihnen zu helfen, auf sie zu achten. Vielleicht sind sie wirklich besser als „die Dirnen und Zöllner.“ Aber dann sollen sie dafür dankbar sein, dass Gott ihnen das geschenkt hat. Und Christus nachahmen, der wirklich gerecht war – und keinen verachtet, sondern uns allen geholfen hat.

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