Die Erinnerung an den Anfang spielt im Leben eine große Rolle: Anfang einer Beziehung, einer Freundschaft, einer Liebe. Erste Begegnung, erstes Gespräch, erstes gemeinsames Erlebnis. Je älter wir werden, desto deutlicher tritt die Erinnerung an die Anfänge hervor. Was gestern war, vergessen ältere Menschen leicht. Aber was vor 40-50 Jahren war, das ist lebhaft im Gedächtnis gegenwärtig. Ich ermutige oft bei Firmungen die Jugendlichen, ihre Großeltern zu fragen, wie das „zu ihrer Zeit“ war. Es tut aber auch gut, die „Anfänge“ des eigenen Lebensweges zu bedenken. „Erinnert euch!“ ist ein Gnadenwort der Bibel. Erinnert euch vor allem an die Anfänge des eigenen Glaubensweges.
Das tut das heutige Evangelium. Es sind, so sehe ich es, die ganz persönlichen Erinnerungen von zweien, die dann Jünger Jesu, Apostel Christi wurden. Den Namen des einen erfahren wir: Andreas, der (wohl ältere) Bruder des Simon Petrus. Der andere ist der Erzähler selber. Er nennt seinen Namen nicht, aber er spricht im Folgenden von „dem Jünger, den Jesus liebte“. Die Überlieferung sagt, es sei dies der Apostel Johannes selbst, der jüngere Bruder des Jakobus, der Sohn des Fischereiunternehmers Zebedäus.
Beide müssen religiös sehr aufgeweckt und suchend gewesen sein, da sie sich dem Täufer Johannes angeschlossen hatten. Alles war voll Erwartung: Bald muss die Zeit der großen Wende kommen, der Tag des Messias. So verstehen wir auch die Art Neugierde, mit der die beiden eines Tages Jesus nachgehen, nachdem Johannes so deutlich auf ihn hingewiesen hatte: „Seht, das Lamm Gottes!“ Unvergesslich bleibt in der Erinnerung des späteren Apostels Johannes die erste Begegnung mit Jesus: „Was wollt ihr?“ Etwas verlegen kommt die Gegenfrage der beiden: „Meister, wo wohnst du?“ Darauf ganz schlicht und unkompliziert die Einladung Jesu: „Kommt und seht!“
So einfach begann es. Eine Einladung mitzukommen und sich anzuschauen, wo Jesus wohnt. Noch viele Jahre, Jahrzehnte später erinnert sich Johannes ganz genau: „Es war um die zehnte Stunde“, also vier Uhr Nachmittag. Sie blieben gleich einen ganzen Tag bei ihm. Was geschah in diesen Stunden? Worüber sprach Jesus? Was sagte er von sich? Was erzählten sie von ihrem Weg? All das wissen wir nicht. Es bleibt ihr ganz persönliches Geheimnis, ihr unauslöschlicher erster Eindruck.
Doch was sich in diesen Stunden abgespielt hat, das können wir aus dem Folgenden ahnen. Andreas holt seinen Bruder Simon, und mit voller Überzeugung sagt er ihm: „Wir haben den Messias gefunden!“ Und er führte Simon zu Jesus. „Unmöglich können wir schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben“, werden Simon Petrus und Johannes später vor dem hohen Rat sagen.
Und wir? Ich denke das heutige Evangelium lädt dazu ein, die eigene Glaubensgeschichte in Erinnerung zu rufen. Deren Höhen und Tiefen, Freuden und Kämpfe. Und auch davon zu erzählen, wenn sich ein guter Moment ergibt. Nur so wird der Glaube glaubwürdig weitergegeben, wie damals, ganz am Anfang.