„Jesus trug sein Kreuz“ bis zur Richtstätte, die auf hebräisch Golgota heißt. „Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere“. Ganz sachlich wird das berichtet, wie eine nüchterne Tatsachenschilderung. Keine Gefühle kommen zur Sprache. Keine genauen Beschreibungen, wie das im Einzelnen aussah. Jeder wusste das damals. Man brauchte das niemandem zu erklären, wie grauenhaft das Ganze war, wie qualvoll und unmenschlich.
So viele Todesurteile gab es damals, so häufig war die Todesstrafe, die heute Gott sei Dank in vielen Ländern abgeschafft ist. Unter allen Arten der Todesstrafe war die Kreuzigung die grausamste. Jesus war einer unter vielen Zigtausenden, die im römischen Reich am Kreuz starben: Sklaven, Rebellen, Revolutionäre, Verbrecher. Wie einer von ihnen starb da auch „der König der Juden“.
Wollte Pilatus, der römische Statthalter und damit der mächtigste Mann vor Ort, sich mit dieser Inschrift über die Juden lustig machen? Sie ärgern? Oder Jesus als Spinner und Träumer hinstellen? Wir wissen es nicht. Aber wir dürfen annehmen, dass unter den vielen Todesurteilen, die Pilatus gefällt hat, dieses eine ihm nicht so schnell aus dem Sinn kam. Die Legende sagt, dieses ungerechte Urteil habe ihn sein Leben lang verfolgt. Denn der Mann aus Galiläa, der da vor ihm gestanden hatte, war so anders gewesen. Das Gespräch mit ihm konnte er nie mehr vergessen. Seinen Blick, seine Worte. Pilatus hatte ihn gefragt: „Bist du der König der Juden?“ Wohl halb spöttisch, halb ernst. Jesus hatte ihm rätselhaft geantwortet: „Ja, ich bin ein König“. Aber „mein Königtum ist nicht von dieser Welt“. Und als er Pilatus sein Königtum beschreibt, ist dieser ratlos und doch nachdenklich. Jesus sagt ihm: „Dazu bin ich geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“. Darauf die berühmte Gegenfrage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“
Ja, was ist Wahrheit? Gibt es die Wahrheit? Kann jemand sagen, er kenne die Wahrheit, er habe sie? Die zweifelnde Frage des Pilatus geht bis heute weiter. Die Antwort Jesu ist er selber. Er hatte selber von sich gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Völlig anmaßend? Totale Selbstüberschätzung? Welcher Mensch kann solches von sich sagen?
Eines spricht dafür, dass Jesus hier schlicht die Wahrheit sagt: in seinem Leben gibt es zwischen Reden und Tun keinen Bruch. Sein Leben stimmt völlig mit seinen Worten überein. Das zeigt er, indem er ganz klar auf sein Ziel zugeht: Sein Leben freiwillig hinzugeben als Sühne, als „Lösegeld“. So hat er seinen Auftrag verstanden. Dieser Aufgabe ist er treu geblieben bis in den Tod.
Im Hebräischen hat das Wort Wahrheit auch die Bedeutung von Treue. Ein wahrhaftiger Mensch ist auch ein treuer Mensch. Untreue und Verlogenheit sind meist Geschwister. Wenn Jesus von sich sagt, er sei „die Wahrheit“, dann heißt das auch, er ist die Treue in Person. Und diese Treue zum Auftrag seines Gottes und Vaters hat er bis zuletzt ganz gelebt. Und dieser Auftrag lautete: Uns Menschen bis zum Letzten zu lieben, auch wenn wir es nicht verdient haben. Das meinen wir, wenn wir heute bekennen, dass Jesus am Kreuz aus Liebe für alle Menschen gestorben ist.