Es war an einem Maiabend des Jahres 1991, also vor 21 Jahren. Ich hatte eben die Mitteilung erhalten, dass Papst Johannes Paul II. mich zum Weihbischof für Wien ernannt hatte. Bewegt, verwirrt, voller Fragen saß ich im Autobus, um in mein Quartier am Stadtrand von Rom hinauszufahren. Eine endlose Busfahrt in einem ratternden, lauten, alten Autobus. Allen, die sich in Wien über den öffentlichen Verkehr beschweren, empfehle ich, einige Zeit in Rom zu leben, angewiesen auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich garantiere Ihnen, Sie werden Wien wunderbar finden und nicht mehr jammern!
Auf dieser langen Busfahrt ging mir immer wieder ein Wort Jesu durch den Sinn: „Euch aber nenne ich Freunde“! Warum gerade dieses Wort, das im heutigen Evangelium steht? Was hat mich gerade damals an diesem Wort so bewegt, dass ich es dann als Motto für mein Bischofsamt nahm?
Heute, viele Jahre später kann ich sagen: Es bleibt für mich eines der wichtigsten Worte Jesu. Es ist für mein Leben ganz prägend und bestimmend: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte… Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“. Freundschaft ist für mich das „Lebenselexier“. Sie gibt dem Leben Halt und Trost, sie ist Erfrischung und Ermutigung. Was macht Freundschaft aus? Wie entsteht sie? Was hält sie am Leben? Und was gefährdet sie?
Heute haben viele Menschen sogenannte „Freunde“ auf Facebook, manche hunderte, tausende. Ich glaube, wir können viele Bekannte haben, echte Freunde sind meist eine überschaubare Zahl. Jesus nennt die zwölf Apostel Freunde. Er nennt auch den Grund seiner Freundschaft: „Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“. Freunde teilen was sie wissen, tauschen ihre Erfahrungen aus. Dazu muss man sich gegenseitig kennen und das braucht Zeit. Wer für die Freundschaft keine Zeit aufwendet, der wird seine Freunde verlieren. Das gilt auch für die Freundschaft mit Jesus. Sie lebt davon, dass ich mir Zeit nehme, für die Stille, das Gebet, Zeit für Jesus. Es ist nie verlorene Zeit. Wie oft sind dagegen Stunden vor dem Fernseher vertane Zeit!
Freundschaft lebt davon, dass ich mich für den anderen interessiere, mit dem Freund Freude und Leid teile, an seinen Sorgen Anteil nehme. Es gehört zu den stärksten Erfahrungen meines Lebens, wie Freunde in schweren Stunden mir zur Seite gestanden sind. Jesus zeigt, wie weit dieser Einsatz für den Freund gehen kann: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“. Das hat Jesus getan. Paulus war davon überwältigt, als ihm klar wurde, wie weit die Freundschaft Jesu zu ihm persönlich ging: „Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben“.
Was macht Freundschaft haltbar? Wenn die Freunde in ihrem Willen übereinstimmen, wenn sie ihre Freude darin finden, mit dem Freund eines Willens zu sein. Freundschaft mit Jesus heißt deshalb: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“. Noch eine Frage: kann man mit Gott Freundschaft haben? Er – unsichtbar und ewig. Wir – sterbliche Menschen! Genau diesen Abstand hat Jesus überbrückt. Er ist ja Gott und Mensch. So können wir sogar Freunde Gottes werden.