Wer hat nicht schon bei einer Hochzeit die wunderbaren Worte des Apostels Paulus gehört: „Hätte ich die Liebe nicht …“ Es ist ein einziges Loblied auf die Liebe. Sie wird als unbesiegbar stark, treu, haltbar und groß beschrieben, größer als alles, was es sonst im Leben noch gibt.
So habe ich mich entschieden, einmal nicht das heutige Sonntagsevangelium vorzustellen, sondern die Lesung, die im Gottesdienst heute vor dem Evangelium gelesen wird. Es sind so bekannte Worte, und doch lohnt es sich, über sie in Ruhe nachzudenken.
Paulus hatte im vorhergehenden Kapitel von den „Gnadengaben“ gesprochen, den sogenannten „Charismen“. Es gibt unterschiedlichste Begabungen natürlicher Art oder auch besondere Gottesgaben. Die Talente sind sehr unterschiedlich verteilt. Sie ergänzen sich, helfen einander. Der eine hat begabte Hände, der andere einen klugen Kopf. Nicht alle sind musikalisch talentiert, nicht alle haben technische Fähigkeiten. Die Vielfalt der Gaben macht erst den Reichtum einer Gesellschaft aus. Auch die „religiösen Begabungen“ sind sehr vielfältig. Manche haben eine stark gefühlsbetonte Frömmigkeit, andere brauchen einen mehr verstandesbetonten Zugang zu Religion. Wieder andere erleben sich als „religiös unmusikalisch“, wie der deutsche Philosoph Jürgen Habermas von sich selber sagt.
Das entscheidende ist nun, ob diese unterschiedlichen Begabungen oder Gaben einander ergänzen oder gegeneinander stehen. In allen Bereichen des Lebens können sie entweder zur gegenseitigen Ergänzung und Bereicherung führen – oder sich anfeinden und bekriegen. Dann haben wir "rot“ gegen „schwarz“ oder, in der Kirche, „konservativ“ gegen „fortschrittlich“, oder im persönlichen Leben: Liebe oder Krieg.
Hier hat der wunderbare Text des heiligen Paulus seinen Platz. Seine Botschaft ist so schlicht wie wahr: Was nützen alle Begabungen, wenn die Liebe fehlt! Das gilt für die „weltlichen“ Talente ebenso wie für die religiösen. Wenn sie egoistisch, nur zum eigenen Nutzen, zur Selbstbestätigung gebraucht werden, sind sie nicht mehr als tönendes Blech, hohles Gedröhne. Wenn einer sich total für den Nächsten verausgabt, dabei aber nur sich selbst verwirklichen will, also keine echte Liebe dahinter steht, ist das nutzlos. Am schlimmsten ist Frömmigkeit ohne Liebe. Sie stößt nur ab.
„Die Liebe ist langmütig, …sucht nicht ihren Vorteil, … trägt das Böse nicht nach, … sie erträgt alles …“ Stimmt das? Bei der Hochzeit wird es mit Rührung gelesen. Hält es im Leben stand? Gibt es nicht allzu oft das Gegenteil? Dass Liebe in Hass umkippt? „Die Liebe hört niemals auf“, heißt es so schön. Und doch kann das Feuer der Liebe erlöschen, „der Ofen aus sein“.
Aber es gibt auch das Andere: Dass die Liebe siegt. Mit viel Geduld. Mit stets neuem Anfang. Mit immer wieder Verzeihen. Miteinander Ertragen. Da zeigt sich wirklich, wie wahr es ist: Am größten ist die Liebe! Sie allein hat Bestand!