Täglich sterben Menschen unter schlimmsten Qualen. Ich darf gar nicht daran denken, was in den Folterkammern an vielen Orten der Welt geschieht. Wie etwa in Syrien Menschen massakriert werden. Wie Todesängste erlitten werden. Wer spricht von ihnen? Wer gibt ihnen eine Stimme? Was geschieht mit den vielen, die in Kerkern und Kriegen, von allen vergessen, zugrunde gehen? Und so viele Millionen von Namenlosen haben in den Konzentrationslagern Hitlers und Stalins den Tod erlitten.
Und dann erinnern wir uns an den Tod eines Einzelnen. Jahr für Jahr, überall, in aller Welt, und das besonders heute. Am Karfreitag wird an zahllosen Orten die Geschichte vom Leiden eines Einzigen gelesen, gesungen: Die Leidensgeschichte Jesu.
Warum ist die Passion Jesu so erinnernswert, so bedeutsam, dass seit 2000 Jahren nicht aufgehört wird, von ihr zu erzählen? Zur Zeit Jesu gab es tausende von Kreuzigungen. So schrecklich sie waren, so alltäglich geschahen sie. Jesu Kreuzigung aber hatte etwas Einzigartiges. Der da ans Kreuz genagelt qualvoll starb, war Gottes Sohn. Das ist der wahre Grund, warum sein Leiden in so genauen Einzelheiten berichtet und überliefert wurde: Der Gekreuzigte war Gott selber! Diese Aussage ist so ungeheuerlich, dass sie alles Verstehen sprengt. Aber sie ist der Kern des christlichen Glaubens. Die Spötter über das Christentum haben es auf ihre Weise verstanden, worum es Christen ging. In den Ruinen einer Kaserne im Kaiserpalast in Rom wurde ein "Grafitti" aus der Zeit um 200. n. Chr. gefunden, das einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf darstellt. Darunter steht: "Alexamenos betet (seinen) Gott an".
Das Christentum - eine "Eselei"? Der Apostel Paulus sagt, das Kreuz sei "den Heiden ein Torheit", ein Unsinn, ein Widersinn.
Es stimmt: Was gibt es Widersinnigeres, als dass Menschen andere Menschen zu Tode quälen? Was gibt es Perverseres als sich möglichst schreckliche Qualen auszudenken und diese anderen zuzufügen?
Doch was, wenn Gott selber hinabgestiegen ist in die Abgründe von Leid, Qual und Tod? Wenn er nicht neutral in seinem Himmel geblieben ist, während wir auf Erden leiden? Was, wenn Gott unser Leid, ja unseren Tod auf sich genommen hat, um uns daraus zu befreien?
Für mich gehört die Karfreitagsliturgie im Stephansdom zu den bewegendsten Feiern des ganzen Jahres. Das Kreuz wird langsam vor aller Menge enthüllt, während ich selber dreimal singe: "Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen." Dann darf ich das Kreuz durch den ganzen Dom tragen, während die ergreifenden Klagelieder in Palestrinas Vertonung gesungen werden: "Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser!"
In tiefer Sammlung verehren wir unseren Gott, der die Welt so sehr geliebt hat, dass er sein Leben am Kreuz für uns gegeben hat, damit wir leben.