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Jesus und die Frauen

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am 11. Sonntag im Jahreskreis, 16. Juni 2013, (Lk 7,11-17)

16.06.2013
© kathbild.at/rupprecht

Warum ist fast immer nur von den zwölf Aposteln die Rede, wenn von den Jüngern Jesu gesprochen wird? Warum wird so selten erwähnt, dass auch eine ganze Gruppe von Frauen Jesus begleitet hat? Das war doch reichlich ungewöhnlich und musste auffallen. Im heutigen Evangelium werden diese Jüngerinnen Jesu ausdrücklich genannt: "Die Zwölf begleiteten ihn, außerdem einige Frauen, die er von bösen Geistern und Krankheiten geheilt hatte." Dann werden drei namentlich erwähnt: "Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, und Susanna." Nicht genug damit. Der Evangelist Lukas, der die meisten Nachrichten über die Frauen in Jesu Gesellschaft bringt, fügt hinzu: "und viele andere" Frauen. Es muss eine stattliche Anzahl gewesen sein. Darüber hinaus sagt Lukas etwas über ihre Tätigkeit: "Sie alle unterstützten sie (Jesus und seine Begleitung) mit dem, was sie besaßen."

 

Es muss schon ein eigenes Schauspiel gewesen sein, wenn Jesus mit dieser ganzen Schar  von Männern und Frauen "von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf wanderte". Ich frage mich immer wieder ganz praktisch: Was haben wohl die Kinder der Apostel (die meisten von ihnen dürften ja verheiratet gewesen sein) gesagt, als diese einfach aufbrachen, Haus und Familie verließen, um mit Jesus durch die Lande zu ziehen? Aber noch außergewöhnlicher muss das für die Frauen gewesen sein. Was hat wohl dieser Beamte vom Königshof des Herodes dazu gesagt, dass seine Frau Johanna ihn und den Haushalt für längere Zeit einfach verließ, um Jesus zu begleiten und finanziell zu unterstützen?

 

Zwei Dinge fallen mir an diesen Frauen besonders auf: Sie müssen mit Jesus eine starke, ihr Leben verändernde Erfahrung gemacht haben. Jesus habe sie, so sagt Lukas, "von bösen Geistern und Krankheiten geheilt". Sie haben also durch Jesus eine Befreiung von Fesseln erlebt, von seelischen und körperlichen Leiden, und diese Erfahrung muss sehr stark und sehr persönlich gewesen sein. Denn aus ihr folgte eine intensive Bindung an Jesus, tiefe Dankbarkeit und, sagen wir es offen, eine große Liebe zu Jesus. Diese Liebe lässt sie nicht mehr los, sie setzten sich über alle gesellschaftlichen Rollenerwartungen hinweg und gingen einfach mit Jesus.

 

Ganz offen und ohne Scheu kommt diese Liebe in der Hauptgeschichte des heutigen Evangeliums zum Ausdruck: Die "Sünderin" beim Gastmahl im Haus des Pharisäers. Was sie tut, ist höchst anstößig und sehr erotisch. Sie weint, und lässt ihre Tränen über die Füße Jesu fließen. Sie trocknet seine Füße mit ihren Haaren, salbt und küsst sie. Und Jesus lässt es zu. Es ist ihm nicht peinlich, weil er sie nicht als Prostituierte ansieht, sondern als Liebende, als Frau mit einem großen, liebenden Herzen: "Ihr sind viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat", sagt Jesus. Jesus und die Frauen: keine Dan-Brown-Geschichten, sondern echte, tiefe Liebe. Ahnen wir, was das heißt?

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