Heute und morgen geht es um die Toten. Genauer um die, die schon "drüben" sind, jenseits der Schwelle des Todes, nicht mehr im Diesseits dieser Welt, sondern im Jenseits des ewigen Lebens. Heute ist Allerheiligen, morgen Allerseelen. Heute feiert die Kirche alle, die schon das ewige Ziel erreicht haben, die Seligen des Himmels. Morgen betet die Kirche für alle Seelen der Verstorbenen, dass sie ans ewige Ziel gelangen. Viele gehen heute und morgen an die Gräber ihrer Lieben. Sie erinnern sich an sie und beten für sie.
Mich bewegt eine Frage: Wie ist es da "drüben"? Was geschieht nach dem Tod? Wo sind sie, die unzählbaren Vielen, die uns vorausgegangen sind? Und ich muss einfach gestehen: Ich kann mir "das ewige Leben" nicht vorstellen. Ich hoffe auf ein Wiedersehen mit so vielen, die mir lieb waren. Aber wie wird das sein? Sicher ganz anders, als was ich mir jetzt auszumalen versuche. Ich kann verstehen, dass viele lieber sagen: Für mich ist mit dem Tod alles aus. Warum aber haben wir dann Friedhöfe? Warum glauben alle Religionen an ein Leben nach dem Tod? Mit diesen Gedanken im Herzen gehe auch ich heute und morgen zu den Gräbern.
Dabei hilft mir die Bibel. Heute ist es ein Abschnitt aus dem letzten Buch der Bibel, der im Gottesdienst vorgelesen wird, aus der "Offenbarung des Johannes", auch "Apokalypse" genannt. In diesem Buch hat der Apostel Johannes seine Visionen aufgezeichnet. Es sind Ausblicke auf künftige Ereignisse in dieser Welt und Einblicke in das Leben der kommenden Welt, keine Reportage über bevorstehende Katastrophen, auch keine Dokumentation darüber, wie es im Jenseits zugeht. Es geht um Ahnungen von dem, "was kein Auge gesehen hat", um den Versuch, sich dem Unvorstellbaren zu nähern.
Zwei Visionen schaut Johannes. Da ist zuerst die Zahl derer, die das Siegel Gottes auf der Stirn tragen. Damals trugen die Sklaven eingebrannt oder tätowiert das Siegel ihres Besitzers als Zeichen, dass sie ihm gehören. Heute noch tragen viele Christen in Ägypten oder Äthiopien ein eintätowiertes Kreuz auf der Stirn oder am Arm, um für immer zu bezeugen, dass sie zu Christus gehören. Die Zahl der Besiegelten ist keine Statistik der Himmelsbevölkerung, sondern ein Symbol der Vollkommenheit: Zwölf mal Zwölf mal Tausend. Einmal wird alles im ewigen Leben vollendet sein. Das Siegel ist sozusagen das Eintrittsticket für den Himmel. Erworben wird es nicht erst am Himmelstor, sondern jetzt schon auf Erden. Nicht durch Geld, sondern durch Gutes tun.
Die zweite Vision umfasst die ganze Erde: "Ich sah eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen: Niemand konnte sie zählen." Sie tragen weiße Gewänder, Zeichen der Freude und des Lichtes. Alles Dunkel des Erdenlebens ist gewichen: "Wer sind sie, und woher kommen sie?" Die Antwort lautet: "Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen." Es sind die Erlösten, die Befreiten. Sie haben es hinter sich. Sie haben alle Nöte dieses Lebens ausgestanden und sind nun heimgekehrt zu Gott.
Wenn ich heute und morgen zu den Gräbern gehe und der Verstorbenen gedenke, werden mir diese Bilder helfen, nicht nur das Grab und den Tod zu sehen, sondern darüber hinauszuschauen? Werde ich ein wenig ahnen von der Schönheit des ewigen Lebens?