Jesus hat den Tempel in Jerusalem überaus geliebt. Er nannte ihn schlicht "das Haus meines Vaters". Er wusste sich dort zu Hause. Von Kind an war er mit dem Tempel vertraut durch die jährliche Wallfahrt seiner Eltern mit ihm. Es war nicht nur die äußere Pracht dieses gewaltigen Gotteshauses, die ihn beeindruckte. Er hatte ein ganz inneres, inniges Verhältnis zu diesem Ort. Denn hier wusste er sich besonders dem nahe, den er schlicht "Vater" nannte, dem Gott, den sein Volk, die Juden, hier mehr als an allen anderen Ort verehrten.
Deshalb konnte Jesus es schwer ertragen, dass das Haus seines Vaters "zu einer Markthalle" entwürdigt wurde, oder, wie er noch drastischer sagte, zu einer "Räuberhöhle". Es war ihm unerträglich, dass im heiligen Bezirk des Tempels allerlei Geschäfte getrieben wurden. Die Viehhändler boten die Tiere für die Opfer zum Kauf an. Die Geldwechsler waren da, um die römischen Münzen in die Tempelmünzen umzutauschen. Und sicher gab es auch genügend Andenkenhändler, wie sie auch heute an allen Wallfahrtsorten zu finden sind.
Es tröstet mich, dass schon Jesus mit diesen Problemen zu kämpfen hatte. Religion und Geschäft: Wie gelingt es, sie fein säuberlich zu trennen? Immer sind die Heiligen Stätten auch Orte regen Geschäftslebens. Souvenirs, fromme Andenken, Kerzen, Opferstöcke für Spenden, all das gab es schon damals und wird es immer im Umfeld von Tempeln und Kirchen geben. Und immer wird es nötig sein, darauf zu achten, dass das Geschäft das Gebet nicht überwuchert, dass die Andenken nicht wichtiger werden als die Anbetung Gottes.
"Der Eifer für dein Haus verzehrt mich." So empfanden die Jünger Jesu Haltung dem Tempel gegenüber. Ein wenig von diesem Eifer darf ich bei uns immer wieder erleben, wenn es um unsere Kirchen im Herzen der Dörfer geht. Ich kann nur staunen, was kleine Gemeinden oft zustande bringen, um ihre Kirchen zu renovieren, zu erhalten und neu zu gestalten.
Ich darf hier ein Beispiel dankbar nennen. Ich könnte Dutzende andere anführen. Obergänserndorf liegt im Bezirk Korneuburg. Der kleine Ort, der sich sanft in eine Mulde des Weinviertels schmiegt, zählt ganze 559 Katholiken. Vor wenigen Tagen durfte ich dort den 200. Jahrestag der Kirchweihe feiern. Die schlichte Hallenkirche, die über dem Ort thront und ihn gleichsam beschützt, wurde 1813 erbaut und am 16. Oktober 1814 von meinem Vorgänger Erzbischof Hohenwarth geweiht. Nach mehrjähriger Renovierung erstrahlt sie außen und innen in neuem Glanz. Unglaublich, was die Bevölkerung hier an Eigenleistung erbracht hat. Viele Helfer und Spender gehören nicht zu den eifrigen Kirchgängern. Aber die Liebe zu ihrer Dorfkirche bewegt sie zu großem Einsatz. Wirklich, hier lebt "der Eifer für das Haus Gottes"!
Die Renovierung ist abgeschlossen. Außen und innen. Aber eine Renovierung bleibt als Dauerauftrag zurück: die Erneuerung der Herzen, die Neubelebung des Glaubens. Jesus Liebe zum Tempel in Jerusalem war vor allem die Liebe zu dem, dessen Haus der Tempel ist. Das Herz jeder Kirche ist der Altar und der Tabernakel. Der Altar, auf dem die heilige Messe gefeiert wird, wo der Tod und die Auferstehung Jesus gegenwärtig wird. Und der Tabernakel, in dem im eucharistischen Brot Jesus selber mitten unter den Menschen gegenwärtig bleibt. Für Jesus war der Tempel "das Haus meines Vaters". Für uns ist die Kirche vor Ort das Gotteshaus, der Ort, wo Jesus unter uns ist. Großartig, wie schön so viele unserer Kirchen erneuert wurden. Noch kostbarer ist es, dass Gott wirklich bei uns wohnt.