Wer kennt nicht Michelangelo’s "Jüngstes Gericht" in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan!
Gewaltig in der Mitte die Gestalt Jesu, des Richters. Die zu seiner Rechten steigen auf aus ihren Gräbern, himmelwärts. Die zu seiner Linken stürzen hinab. Der Feuerschlund lässt den Ort der Verdammten ahnen.
Heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, wird das lange Evangelium vom Weltgericht gelesen. Zwei Mal schon habe ich an einem Konklave teilgenommen, bei der Wahl von Papst Benedikt XVI., 2005, und bei der von Papst Franziskus im Jahr 2013. Einer nach dem anderen gingen wir 115 Kardinäle nach vorne, um unsere Stimmen abzugeben. Bei jedem Wahlgang neu der Blick hinauf zum Weltenrichter, zur Christusgestalt. Der Ernst des Momentes wurde wohl jedem von uns bewusst. Vor ihm zählt nicht der menschliche Ruhm, der weltliche Erfolg, nicht Reichtum und Gesundheit. Was aber gilt in den Augen des unbestechlichen Richters? Wer entscheidet über rechts und links, über Himmel und Hölle? Gibt es überhaupt eine so dramatische Entscheidung? Ist Christus nicht letztlich doch der ganz barmherzige Richter, vor dem nur das Erbarmen mit uns allen, uns armen Sündern zählt?
Diese Frage hat mich besonders bewegt, als ich bei jedem neuen Wahlgang 2005 und 2013 vor Michelangelo’s Weltgericht stand. Was entscheidet denn wirklich über unser ewiges Geschick? Und jedes Mal kam mir neu das heutige Evangelium in den Sinn. Wie sähe ein Gemälde aus, das genau dieses große Bild Jesu vom Endgericht wiedergäbe? Ich denke: ganz anders! Da wären sie alle zu sehen, die zahllosen Hungernden und Dürstenden, Fremden und Obdachlosen, Nackten, Kranken und Gefangenen. Nur sie wären zu sehen. Kein gewaltiger Christus. Und an einem entscheidet sich alles: ob wir sie sehen. Ob wir sie wahrnehmen. Ob wir ein Herz für sie haben. "Was ihr für sie getan habt, das habt ihr für mich getan", sagt Jesus. Heute schon findet das Jüngste Gericht statt. Heute schon kann ich den Himmel gewinnen - oder verlieren. Der Schlüssel zum Himmel ist in meine Hand gelegt. Aber das Tor zum Himmel können mir nur die Armen öffnen. Denn Jesus begegnet uns in ihnen.