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Gedanken zum Evangelium: Begegnung der Religionen

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 6. Jänner  2015, Matthäus 2, 1-12

02.01.2015
© Kathpress G. Pulling / Begegnung mit dem Rat der Kirchen und Religionen in Kiew

Im Volksmund ist es das „Fest der Heiligen Drei Könige“ geworden. Die „Sternsinger“, die von Haus zu Haus ziehen und als Kaspar, Melchior und Balthasar den Segen auf die Haustüren zeichnen, sind in ganz Österreich bekannt. Sie sammeln Jahr für Jahr, um Hilfsprojekte für arme Kinder in armen Ländern zu finanzieren. Die „Dreikönigsaktion“ der Katholischen Jungschar ist immer noch die größte Sammlung dieser Art in unserem Land, bedeutend größer als „Licht ins Dunkel“. Ohne sie wäre das spärliche Entwicklungshilfe-Programm  des Bundes noch ärmlicher. Hier darf ich den 85.000 Kindern, die in diesen Tagen unterwegs sind, und ihren 30.000 Helfern herzlich danken.

 

Heute aber sei auf eine andere Seite des Festes hingewiesen, das auch Epiphanie, Erscheinung des Herrn, genannt wird: Es ist gewissermaßen ein Modell der Begegnung der Religionen. Und dieses Thema betrifft heute, im Zeitalter der Globalisierung, wirklich die ganze Welt. Überall begegnen einander verschiedene Religionen. Nicht nur bei uns, in einer Stadt wie Wien, sondern in allen Teilen der Erde, mischen sich die Religionen, leben nebeneinander, miteinander und leider teilweise auch gegeneinander. Die großen politischen Konflikte sind heute oft auch Religionskonflikte.

 

Wie sieht die Begegnung der Religionen im Licht des heutigen Festes aus? Die „Sterndeuter“ aus dem Osten sind vermutlich Anhänger der persischen Religion gewesen. Unser verstorbener Kardinal Dr. Franz König war ein bedeutender Kenner und Erforscher dieser Religion, von der es heute nur mehr kleine Minderheiten gibt. Das Erstaunliche an diesen „Weisen aus dem Morgenland“ ist ihr Interesse nicht nur an ihrer eigenen Religion, sondern an einer ganz anderen, fremden: der Religion der Juden.

 

Sie beobachten den Lauf der Gestirne, und diese sprechen zu ihnen nicht nur von ihrer eigenen Religion. Sie sehen auch Hinweise auf „den neugeborenen König der Juden“. Und etwas in ihrem Herzen bewegt sie, sich auf den Weg zu machen, um diesen König der Juden zu finden und zu verehren. Sie scheuen nicht eine weite, beschwerliche Reise, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Im Leben Jesu haben Begegnungen mit Menschen anderer Religionen als der seinen eine wichtige Rolle gespielt. Immer wieder hat er über ihre Haltung gestaunt und ihren Glauben gelobt. Manchmal hat er sogar gesagt, dass er einen so großen Glauben bei seinen eigenen Leuten nicht gefunden hat wie bei bestimmten Heiden.

 

Die Sterndeuter aus dem Osten haben sich wohl gewundert, dass ihnen in der Hauptstadt des Judentums eher Ablehnung und Unglauben begegnete. Herodes „und mit ihm ganz Jerusalem“ erschrak über die Nachricht vom neugeborenen König der Juden.

 

Sind wir Christen nicht manchmal wie die Leute damals in Jerusalem? Die Heiden suchen eifrig Gottes Wege, und wir sind „Gewohnheitschristen“ geworden. Die Sterndeuter waren „von sehr großer Freude erfüllt“, als sie den Stern von Bethlehem sahen und Jesus fanden. Wir sind allzu oft griesgrämige Christen, die keine Freude ausstrahlen. Da kann es uns gut tun, den Eifer von Menschen anderer Religionen zu erleben, ihr Gebet, ihre Ehrfurcht vor dem Heiligen, ihre Frömmigkeit. Wenn wir müde Christen geworden sind, können uns Menschen anderer Religionen zu neuer Freude am eigenen Glauben aufwecken. Und etwas ganz besonders Bewegendes ist es, zu erleben, wie manche von ihnen ein ähnliches Erlebnis haben wie die Sterndeuter: Wenn sie Jesus entdecken und zum Glauben an ihn finden.

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