Man kann viel aus Büchern lernen. Aber mehr lernen wir aus Erfahrung. Studieren ist nützlich und notwendig. Aber nichts kann das eigene Erleben ersetzen. Vieles können wir überhaupt nur durch das Tun lernen. Schwimmen lernt man nicht in der Theorie, im Trockenen, sondern nur, indem man sich ins Wasser wagt. Und mit dem Beten ist es ähnlich. Zwar gibt es tiefe und fromme Bücher über das Gebet, aber zum Beter ist noch keiner geworden, der nicht selber das Beten versucht hat.
Das heutige Evangelium, eine meiner besonderen Lieblingsstellen in der Bibel, zeigt, dass Jesus eben diese Methode angewendet hat, um Menschen mit sich und seiner Lehre vertraut zu machen. Er hat den beiden jungen Leuten, die ihm neugierig nachgegangen sind, keinen Vortrag gehalten. Er hat ihnen kein Buch in die Hand gedrückt, damit sie seine Lehre studieren. Er hat sie einfach eingeladen, mit ihm zu kommen und ihn kennenzulernen: „Kommt und seht!“
Diese Methode hat er aller Theorie vorgezogen. Ist es nicht eigenartig, dass von Jesus keine Schriften überliefert sind? Jünger Jesu werden, das hieß und heißt bis heute: sein Leben teilen. „Kommt und seht“: Das ist auch heute der Weg, ihn kennen zu lernen und Christ zu werden. Das Geheimnis dieses „Studiums“ heißt: Mitleben! Jesus hat die, die er berief, oder die sich für ihn und seine Lehre interessierten, nicht an die Universität geschickt, hat von ihnen keine Diplome oder Titel verlangt, sondern nur das Eine: Sie sollen sein Leben teilen und so mit ihm vertraut werden.
Heute haben wir einen wahren Diplome-Wahn. Selbst die Kindergärtnerinnen sollen, so verlangen manche, an der Universität studieren. Nichts kann die Praxiserfahrung ersetzen, so gut es sein mag, auch genügend theoretisches Wissen zu sammeln. Wenn ich an meine eigenen Lehrer denke, von der Volksschule bis zur Universität, dann sehe ich, dass ich sicher viel von der Lehre meine Lehrer gelernt habe, aber mindestens ebensoviel von ihnen als Menschen, von ihren menschlichen Qualitäten, von ihrer Persönlichkeit. Noch deutlicher ist das in der Familie, die ja für die meisten Menschen der erste Lernort im Leben ist. Das Zusammenleben in der Familie ist die grundlegende Lebensschule. Keine noch so gute Schule kann ersetzen, was wir in der Familie, von Eltern, Großeltern, Verwandten und Geschwistern mitbekommen. Umso schmerzlicher und tiefer sind die Wunden, die in der Familie zugefügt werden.
Für die meisten Menschen geschieht die Vermittlung des Glaubens nicht durch Bücher, auch nicht durch den Religionsunterricht (auch wenn ich beiden viel verdanke), sondern durch das Erleben des Glaubens der Eltern oder Großeltern. Wie oft höre ich: „Meine Oma war eine tiefgläubige Frau!“
Das heutige Evangelium ist für mich geradezu das Modell, wie wir zu einer lebendigen Glaubenserfahrung kommen können. Christsein ist nicht zuerst das Fürwahrhalten von bestimmten Sätzen, sondern dieses: „Kommt und seht!“ Und nur wer selber diese Erfahrung gemacht hat („Sie sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm“), kann dann auch anderen davon erzählen: „Wir haben den Messias gefunden!“ Nichts überzeugt mehr als das Zeugnis von dem, was man selber erlebt und erfahren hat. So kann Andreas seinen Bruder Simon Petrus zu Jesus führen. Nicht anders ist es auch heute: „Kommt und seht!“