Heute darf ich über eines meiner liebsten Evangelien schreiben. Es ist mir so wichtig, dass ich daraus mein Bischofsmotto genommen habe: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte", sagt Jesus, "vielmehr habe ich euch Freunde genannt".
"Vos autem dixi amicos", so lautet mein Bischofsmotto in der lateinischen Fassung: "Euch aber habe ich Freunde genannt."
Beim Abschiedsmahl, am Abend vor seiner Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung, öffnet Jesus sein Herz. Er sagt Dinge, die man nicht leichthin ausspricht. Er, der Meister, der Herr, der Lehrer seiner Jünger, redet sie als Freunde an. Es ist nicht die lockere Art, wie wir oft Menschen als Freunde bezeichnen, die wir kaum kennen. Heute haben Menschen über Facebook oder ähnliche Medien, jede Menge an "Freunden", mit denen sie nur ein elektronischer Austausch verbindet. Ist das schon Freundschaft? Wird man so leicht jemandes Freund? Und wie haltbar ist eine solche "Freundschaft"?
Jesus bietet mehr an. Er bietet Seine persönliche Freundschaft an. Aber was ist das, echte Freundschaft? Für mich ist sie etwas vom Kostbarsten, das es im Leben geben kann. Und es gehört zu den schönen Seiten des Älterwerdens, wenn einen Freundschaften schon durch viele Jahre, ja Jahrzehnte begleiten. Der römische Schriftsteller Sallust bringt knapp auf den Punkt, was Freundschaft ausmacht: "Idem velle atque idem nolle." "Dasselbe wollen und dasselbe ablehnen." Anders gesagt: Eine tiefe Übereinstimmung in dem, was einem wertvoll ist und was nicht.
Deshalb sagt Jesus: "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage." Mit Jesus, seinem Willen und seinen Wünschen übereinstimmen, das ist die Basis der Freundschaft mit ihm. Es geht letztlich um die Übereinstimmung der Herzen.
Ein Einwand hat mich selber immer wieder beschäftigt: Ist diese Freundschaft mit Jesus nicht doch sehr einseitig? Er sagt, was er will, und wir sollen es tun. Gehört nicht zur Freundschaft die Gegenseitigkeit? Nur wenn beide gewissermaßen auf gleicher Ebene sind, können sie echte Freunde sein. Jesus aber sagt: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Er bleibt "der Chef"! Wir die Abhängigen! Ja, das stimmt. Wenn Jesus Gottes Sohn ist, ist er immer auch der Herr. Und ich bleibe immer von Gott abhängig, weil ich Geschöpf bin. Das ist so und bleibt so.
Das Unglaubliche, Große und Schöne ist aber, dass Jesus uns zu wirklichen Freunden machen will. Darum liebe ich dieses heutige Evangelium so sehr. Es sagt uns etwas Unfassbares: Zwischen Gott und Menschen, zwischen Christus und mir kann es eine echte, gegenseitige Freundschaft geben, "auf Augenhöhe". Das ist nur möglich, weil Gott dazu einlädt. "Ich nenne euch Freunde." Er fängt an. Er schenkt uns seine Freundschaft. Er vertraut uns, und vertraut sich uns selber an. Und wir können das annehmen und so seine Freunde werden. Und wie in jeder echten Freundschaft ist es auch hier: Sie will gepflegt sein. Sie braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Jesus schenkt seine Freundschaft. An uns liegt es, mit Ihm Freunde zu werden und Freunde zu bleiben.