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Gedanken zum Evangelium: Hilfe vom Himmel

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 6. September 2015 (Mk 7,31-37)

04.09.2015
Himmelsstimmung
© goestl.globl.net, Markus Göstl
Himmelsstimmung

In einem Krimi von Agatha Christi steht der Satz: "Er blickte zum Himmel auf, als suchte er dort Hilfe oder eine Eingebung" (in: Ein unerwarteter Gast). Warum blicken wir nach oben, zum Himmel, wenn wir Rat oder Hilfe suchen? Was ist es um dieses Aufblicken, oft verbunden mit einem Seufzer? Unser Körper hat seine eigene Sprache. Oft sagt sie mehr als viele Worte. Ein guter Arzt kann viel von den Nöten seiner Patienten verstehen, wenn er ihren körperlichen Ausdruck gut zu beobachten und zu deuten versteht.

 

Heute spricht Jesus durch seine Körpersprache so deutlich zu uns. Im Evangelium müssen wir nicht nur genau auf die Worte Jesu hören, sondern auch auf seine Gesten achten. Und es hilft, sie zu verstehen, wenn wir uns selber in die Szene gewissermaßen "einmischen", uns in sie hineinversetzen. Am besten ist es, sich vorzustellen, selber die Person zu sein, der Jesus begegnet. Denn er berührt ja auch heute noch Menschen.

 

Ich nehme also an, ich bin selber dieser Taubstumme. Vieles ist in mir verschlossen. Ich bin oft unfähig, zu hören, was andere mir sagen wollen. Ich bin vielleicht zu sehr mit mir und meinen Sorgen beschäftigt, um offen zu sein für das Wort der anderen. Oft bleibe ich auch stumm. Ich versäume es, ein gutes Wort zu sagen. Ich schaffe es nicht, aus mir herauszugehen. Ich bin blockiert, kann nicht ausdrücken, was mich bewegt, was mir am Herzen liegt. So kann ich mich eigentlich recht gut in dem Taubstummen wiederfinden.

 

Da gibt es Menschen, die mit diesem armen Taubstummen Mitleid haben. Sie führen ihn zu Jesus. Sie bitten Jesus, "er möge ihn berühren". Ich denke da an Menschen, die mich zu Jesus geführt haben. Sie wollten mir helfen. Sie wollten, dass ich aus meiner Verschlossenheit herausgeholt werde. Wie dankbar dürfen wir für solche Menschen sein, die uns zu Jesus führen!

 

Und Jesus berührt den Taubstummen. Er scheut nicht den Körperkontakt. Zuerst macht er etwas, das heute besonders wichtig ist: "Er nahm ihn beiseite, von den Menschen weg." Durch seine Behinderung ist der Taubstumme mitten unter den Menschen alleine, isoliert. Jesus will ihn nicht noch mehr isolieren. Er will mit ihm alleine sein, um ganz für ihn dazu sein. Jesus nimmt auch mich manchmal "beiseite", aus dem Wirbel des Alltages heraus. Da kann er mich berühren und heilen. Da ist er ganz für mich da.

 

Mit allen Sinnen begegnet Jesus dem Taubstummen: Er legt ihm die Finger in die Ohren. Er scheut sich nicht, mit seinem Speichel die Zunge des Behinderten zu berühren. "Habt keine Angst vor der Güte und der Zärtlichkeit", sagt Papst Franziskus immer wieder. Denn nur so kann der andere sich öffnen. "Effata!" Das Evangelium hat uns den aramäischen O-Ton Jesu bewahrt. So sehr haben seine Gesten sich den Menschen eingeprägt. "Öffne dich", sagt Jesus auch zu mir, und siehe da, ich beginne besser zu hören, was mir anvertraut wird. Ich finde das Wort, das der andere braucht.

 

"Jesus blickte zum Himmel auf und seufzte." Warum blicken wir nach oben? Weil wir vom Himmel Hilfe erwarten. Jesus hat diese Hilfe von Gott bekommen und uns weitergegeben. Er ermutigt uns, dass auch wir vom Himmel Hilfe erhoffen, für uns selber und für andere.

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