Wie weit muss die Toleranz gehen? Heißt Toleranz zu allem und jedem Ja sagen? Gibt es keine Grenzen? Muss man nicht doch auch einmal verlangen: bis hierher und nicht weiter? Das heutige Evangelium hat zwei Teile. Der erste spricht von dem, was tolerierbar ist, vom Zulässigen und Annehmbaren. Der zweite Teil spricht von dem, was unerträglich ist, was nicht toleriert werden darf. Es geht also um die Grenzen der Toleranz.
Am Anfang steht ein Erlebnis des Apostels Johannes. Er regt sich darüber auf, dass andere Leute auch im Namen Jesu handeln, ohne zu ihrem Kreis zu gehören. Johannes kann das nicht tolerieren. Er will es unterbinden. Konkret geht es um „Dämonenaustreibung“, also um Exorzismus, Befreiung von bösen Mächten. Jemand tut das, indem er Jesu Namen anruft und verwendet. Das will Johannes verhindern, „weil er uns nicht nachfolgt“.
Diese Haltung gibt es bis heute. Manche meinen, sie hätten „Jesus gepachtet“, weil sie Christen sind. Sie tun sich schwer damit, zu sehen und anzuerkennen, dass auch Nicht-Christen Jesus nachfolgen können, auch wenn sie nicht „zu uns“, zur Kirche, zur Pfarre gehören. Hier lädt Jesus zu großer Toleranz ein. „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“ So viele gibt es, die sich zwar mit dem „Bodenpersonal“ Jesu schwer tun, die aber durch ihr Leben und Tun zeigen, dass sie Jesus ganz nahe sind.
Das denke ich gerade in diesen Tagen der Flüchtlingsnot: Wie viele Menschen helfen einfach, ohne große Worte zu machen. Ob sie sich dabei ausdrücklich auf Jesus berufen oder nicht, ist nicht so wichtig. Sie handeln so, wie es dem Vorbild Jesu entspricht. Darauf kommt es an, auf die Güte, die gelebte Nächstenliebe. Toleranz heißt, das Gute bei den anderen suchen und anerkennen, auch wenn man in Vielem nicht ihre Ansicht teilt. Diese Haltung setzt ein offenes, weites Herz voraus. Wir können sie von Jesus lernen.
Aber es gibt auch Grenzen der Toleranz. In manchen Fällen kann es nur ein klares, entschiedenes Nein geben. Jesus nennt ein Beispiel, das besonders unannehmbar ist, wo „Null-Toleranz“ gelten muss: das ist das Ärgernis, die Verführung zum Bösen, besonders wenn es sich um „Kleine“ handelt. Damit sind sicher in erster Linie Kinder gemeint. Dann aber auch wehrlose, gutgläubige Menschen, die missbraucht werden. Wie ernst es Jesus mit dem Nein gegen diese Art Verführung ist, zeigt sein drastisches Bildwort: „Für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ Toleranz wäre hier gänzlich fehl am Platz.
Keine Toleranz sollen wir aber auch gegen unsere eigenen Versuchungen haben. Jesu Rede ist natürlich bildhaft. Nicht Hand, Fuß, Auge gilt es im wörtlichen Sinn sich auszureißen. Wir neigen dazu, unsere eigenen Fehler zu tolerieren, die der anderen aber nicht zu ertragen. Umgekehrt soll es sein: Sich selber gegenüber um vieles strenger sein als gegenüber den Anderen. Denn sonst machen wir uns und den anderen das Leben unerträglich, eben zur Hölle.