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Falscher Glanz und echte Größe

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 8. November (Mk 12,38-44)

06.11.2015
Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium, 8. November (Mk 12,38-44)
© kathbild.at/Rupprecht
Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium, 8. November (Mk 12,38-44)

Was für ein Gegensatz! Der erste und der zweite Teil des heutigen Evangeliums! Hier der Schein, dort die Echtheit! Hier die Heuchelei, dort die wahre Größe! Hier alle Wichtigtuerei dieser Welt, dort die schlichte Bescheidenheit. Offensichtlich will Jesus damals wie heute den Blick schulen, die Wahrnehmung schärfen. Wir sollen uns nicht blenden lassen von falscher Frömmigkeit, von aufgeblasener Einbildung. Jesus zeigt uns, wo die wirkliche, wahre, echte Frömmigkeit zu finden ist und wie sie aussieht.

 

Zuerst warnt Jesus vor den „Schriftgelehrten“. Damit sind die „Profis“ der Religion gemeint. Nur die damaligen? Oder auch die heutigen? Meint Jesus auch mich? Ich gehöre ja zu den „vollberuflichen Religionsvertretern“, Sind wir alle, die Kleriker, Priester, Bischöfe, die Rabbiner, die Imame, und wie wir alle heißen, hier von Jesus unter Generalverdacht gestellt? Ist Scheinheiligkeit die besondere Versuchung aller, die in der Religion leitende Positionen haben?

 

Eines ist sicher: Jesus schaut besonders kritisch auf die religiösen Führer seines Volkes. Das haben schon vor ihm die Propheten getan. Nichts ist abstoßender als religiöse Falschheit. „So tun als ob“ – das löst Abscheu aus. Wenn Äußerlichkeiten wichtiger werden als die innere Gesinnung, dann wir die Religion zum peinlichen Schauspiel. Dann wird der Gottesdienst zur Selbstdarstellung des Klerus. Dann spüren die Menschen: Denen geht es nicht um Gott, sondern ums Geld. Die interessieren sich mehr für den eigenen ersten Platz als für das Wohl der Menschen.

 

Jesu Urteil über diese geheuchelte Religion mag hart erscheinen. Aber seine harschen Worte kommen aus einer leidenschaftlichen Liebe zu den Menschen. Er kann es nicht ertragen, wenn sie im Namen der Religion betrogen werden. Denn dazu ist ihm die Religion zu heilig und das Heil der Menschen zu kostbar.

 

Was aber echte Frömmigkeit bedeutet, das zeigt die zweite Szene des heutigen Evangeliums. Jesus sitzt alleine gegenüber dem Opferkasten im Tempel. Er beobachtet die Menschen. Viele spenden großzügig. Aber es ist nur von ihrem Überfluss. Es tut ihnen nicht weh. Niemand beachtet die Arme, die Witwe, die sich da unter den vielen Menschen dem Opferkasten nähert. Sie hat ja nichts Anziehendes, kein teures Gewand, kein wichtiges Auftreten. Wer beachtet schon solche Menschen! Jesus aber sieht sie. Er erkennt ihre Größe, die nicht im äußeren Schein liegt. Gott schaut nicht auf das, was in der Welt wichtig ist und Geltung hat. Er kennt das Herz. Niemand kann ihn täuschen. Keiner kann ihm etwas vormachen. Vor Jesus sind wir nur das, was wir wirklich sind, nicht das, als was wir gerne gesehen würden.

 

Zwei kleine Münzen hat sie in den Opferstock getan. Für Reiche gar nichts. Für sie alles, was sie hatte. Jesus ruft seine Jünger zusammen und zeigt ihnen diese Frau, diese arme Witwe. Und in ihr zeigt er uns, was vor ihm echte Größe ist. Und lehrt uns, nicht falschen Glanz zu suchen und nicht auf ihn hereinzufallen.

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