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Auf die Suche nach Jesus gehen…

Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium, am Sonntag, 27. Dezember 2015. (Lukas 2,41-52)

23.12.2015
Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium, 27. Dezember (Lukas 2,41-52)
© kathbild.at/Rupprecht
Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium, 27. Dezember (Lukas 2,41-52)

Der Sonntag nach Weihnachten ist der Familie gewidmet. Allen Familien. Vor allem der Familie Jesu. Heute ist also das Fest der Heiligen Familie: Maria, Josef, Jesus. Die Eltern und das Kind. Heute ist aber auch die Zeit, an meine, an unsere, an alle Familien zu denken. An die Freuden und Leiden der Familien. An ihre Geborgenheit und an ihre Verletzlichkeit. Denn oft genug geht es in unseren Familien ganz und gar nicht heilig zu.

 

Heute richten sich die Blicke und Gedanken auf diese kleine Familie von Nazareth, der zu Weihnachten ihr erstes und einziges Kind geboren wurde. Heute bekommen wir kurz einen Einblick in ihren Alltag. Wir wissen wenig, wie dieser aussah. Gerade so viel, dass der Vater, Josef, Zimmermann war, also einen kleinen Betrieb besaß. Wann er starb, wie alt er damals war, wissen wir schon nicht, und auch fast nichts vom täglichen Leben in Nazareth. Immerhin so viel erfahren wir, dass es in Nazareth eine Reihe von Verwandten gab, die im Evangelium einfach „die Brüder und Schwestern“ Jesu heißen. Gemeint ist die nähere Verwandtschaft.

 

Jedes Jahr gehört die Wallfahrt hinauf nach Jerusalem zu den Höhepunkten des Familienlebens. Jesus ist zwölf. Das Alter der Pubertät. Das Alter für die Bar Mitzwa, die Reife, ein volles Mitglied der jüdischen Gemeinde zu werden. Jesus zeigt deutlich, dass er jetzt seinen Eltern gegenüber selbständig geworden ist. Ohne sie zu fragen oder sie wenigstens zu informieren, bleibt er in Jerusalem, während die Eltern sich bereits auf den langen Heimweg machen.

 

Schmerzlich erleben sie, dass er nicht nur ihnen gehorcht, sondern zuerst einem Anderen, den er „meinen Vater“ nennt. „Sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.“ Es berührt mich, zu spüren, wie weh ihnen dieses Wort getan hat. Sie sind nicht die letzte Autorität im Leben ihres Kindes. Sie müssen lernen, es loszulassen. Es wird selbständig. Es kommt der Tag, wo Jesus von zu Hause weggehen wird. Schmerz der Trennung. Schicksal aller Eltern.

 

Aber zugleich auch die Freude der Eltern, wenn aus dem Kind ein Erwachsener wird. Erleben, dass ihr Kind nicht einfach ihnen gehört. Dass es da einen Anderen gibt, auf den Jesus sich bezieht, dem er mehr Platz in seinem Leben gibt als seinen Eltern. Gott hat den ersten Platz. Die Familie darf nicht über den Einzelnen herrschen wollen.

 

Ich höre im heutigen Evangelium noch eine andere Saite anklingen. Maria sagt zu ihrem Sohn, als sie ihn nach drei Tagen endlich im Tempel finden: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“ Für Eltern gibt es keine schlimmere Sorge, als ihr Kind zu verlieren. Für mich ist die Angst der Eltern Jesu auch ein Bild für eine ganz tiefe Sorge: dass auch ich Jesus verlieren könnte. Schlimmer als alle menschlichen Verluste wäre es, Jesus nicht mehr zu finden. Es bewegt mich, mir Josef und Maria vorzustellen, wie sie voll Angst ihren Jesus suchen. So aus ganzem Herzen auf die Suche nach Jesus gehen! Und dann die Freude erleben, Jesus zu finden! An das muss ich heute, am Fest der Heiligen Familie, besonders denken.

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